„Bei Rabatten von bis zu 80% in der Kfz-Versicherung kann man nicht mehr von einer angemessenen Kalkulation sprechen“
1. Juni 2026M.S. |
Julia Wiens, Chefin der BaFin-Versicherungsaufsicht, im Gespräch mit der Zeitschrift für Versicherungswesen
Bei ihrer aktuellen Untersuchung zur Preisdifferenzierung in der Kfz-Versicherung ist die Bafin auf Rabatte gestoßen, die nichts mehr mit dem Risiko zu tun haben, sagte Julia Wiens, Chefin der Versicherungsaufsicht, im Gespräch mit der Zeitschrift für Versicherungswesen. „Wir haben in Ausnahmefällen extreme Rabatte von bis zu 80% gesehen. Hier kann man nicht mehr von einem fairen Umgang mit den Kunden sprechen.“ Willkürliche Rabatte jenseits einer aktuariell sauberen Tarifkalkulation seien mit einer risikobasierten Preisdifferenzierung nicht zu vereinbaren.
Der Bafin gehe es bei der Untersuchung im Rahmen ihrer Wohlverhaltensaufsicht nicht darum, die Kalkulation der Autoversicherer in der Breite des Marktes zu hinterfragen, sondern die schwarzen Schafe aufzuspüren. Es gehe um Geschäftspraktiken, bei denen im Neugeschäft deutliche und aus Risikogesichtspunkten ungerechtfertigte Rabatte gewährt werden, um die Verträge dann im Folgenden überproportional zu erhöhen, betonte Wiens. Diese Anbieter nutzten aus, dass es Kundengruppen gebe, die eine geringe Kündigungsneigung hätten, etwa weil sie nicht besonders IT-affin seien und eben nicht im Vergleichsportal nach besseren Angeboten suchen könnten.
„Price-Walking“ im Fokus der Aufsicht
Das Problem des „Price Walking“, bei dem die Prämien für Altkunden kontinuierlich und ohne veränderte Risikogrundlage erhöht werden, sei daher ebenfalls Gegenstand der Bafin-Untersuchung. „Inwieweit ist es noch fair, wenn man mit willkürlichen Rabatten lockt und anschließend durch Prämienerhöhungen die Trägheit der Kunden ausnutzt? Wenn so etwa exzessiv gemacht wird, dann ist das nicht mehr mit den Grundprinzipien von Fairness und Transparenz zu vereinbaren.“
Dass die Bafin jetzt bei der Tarifierung in der Kfz-Versicherung genauer hinschaut, hat in der Branche auch für Kritik gesorgt. Das Hauptargument lautet: Im Gegensatz zur Lebensversicherung seien die Folgen der Preisdifferenzierung bei den Kunden nicht langfristig zu spüren, sondern sie hätten ja nach einem Jahr die Möglichkeit, aus dem Vertrag auszusteigen und einen neuen Versicherer zu suchen. Wiens sieht das anders: Die Exzesse bei den Rabatten hätten mit einer fairen Preisdifferenzierung im Sinne der Kunden grundsätzlich nichts mehr zu tun. Und auch das „Price-Walking“ im Bestand sei mit dem Kundeninteresse nicht in Einklang zu bringen. Deshalb bestehe Handlungsbedarf.
Bis Ende des Jahres werde die Bafin zu dieser Thematik ein Rundschreiben zur Konsultation stellen. Die Aufsicht werde auch genau erklären, was sie unter „Price Walking“ verstehe, weil der Begriff im Markt nicht einheitlich verwendet werde. Wiens würde es jedoch begrüßen, wenn die Branche von sich aus reagierte, denn manche der etablierten Praktiken im Markt seien schlicht nicht akzeptabel. „Aber wenn es sein muss, dann werden wir auch hier eingreifen.“
Neue Untersuchung zur Rentenphase: Sicherheitsmargen dürfen nicht einseitig die Kunden belasten
Bei der Wohlverhaltensaufsicht gehe es der Bafin darum, dass die Kundinnen und Kunden fair behandelt werden, unabhängig von der Sparte und unabhängig von der Laufzeit der Verträge, betonte Wiens. In der Lebensversicherung erweitert die Aufsicht den Fokus von der Ansparphase nun auch auf den Kundennutzen in der Rentenbezugsphase. Man konzentriere sich dabei insbesondere auf die Überschussbeteiligung in der Rentenbezugsphase, welche erheblich zum Kundennutzen beiträgt, sagte Wiens.
Bei den Rentenleistungen und der ihnen zugrunde liegenden Lebenserwartung würden Sicherheitsmargen einkalkuliert, um auch lebenslang die garantierte Rente leisten zu können. Es sei aber wichtig, dass den Kunden eine angemessene Überschussbeteiligung zugutekomme und die Sicherheitsmarge nicht einseitig die Kunden belaste. „Das schauen wir uns gerade an. Dabei haben wir festgestellt, dass in vielen Fällen keine Risikoüberschussanteile ausgeschüttet werden. Im Moment gehen wir der Frage genauer nach, was die Gründe dafür sind.“
Fortschritte bei den Kosten in der Lebensversicherung
Die Untersuchungen der Bafin zur Kostenbelastung bei kapitalbildenden Lebensversicherungen haben nach Ansicht von Wiens den Markt bereits spürbar verändert. Aktuelle Zahlen zeigten, dass die Effektivkosten bei typischen fondsgebundenen und hybriden Produktgestaltungen um rund 40 Basispunkte zurückgegangen seien. „Das finde ich bemerkenswert“, sagte Wiens. „Die Branche hat reagiert. Und ich bin davon überzeugt, dass auch unsere Maßnahmen dafür gesorgt haben, dass die Branche das Thema inzwischen sehr ernst nimmt.“
Durch die mittlerweile erzielten Verbesserungen rücke die Branche bei den Kosten naturgemäß etwas näher zusammen. „Diesen Ansatz kann man sicherlich nicht endlos fortführen, weil sonst ja irgendwann alle Lebensversicherer ganz dicht beieinander liegen. Wir wollen uns weiterhin auf die Ausreißer fokussieren und nicht den Markt insgesamt auf ein Kostenniveau drängen“, betonte Wiens. Denn es gebe ja durchaus valide Gründe, warum manche Produkte höhere Kosten hätten als andere und trotzdem ein angemessener Kundennutzen gegeben sei, etwa bei besonderen Beratungsleistungen oder komplexen Kapitalanlagen, die potenziell eine höhere Rendite versprechen.
„Es geht nicht um Gleichmacherei“
Wiens hob hervor, dass es der Aufsicht dabei nicht um Gleichmacherei gehe. „Es geht uns um den Kundennutzen. Wir wollen, dass die Versicherer sich darüber Gedanken machen, was der Zielmarkt für ein bestimmtes Produkt ist, und dass die Kunden dieses Zielmarktes dann auch einen Nutzen davon haben.“ Die Effektivkosten seien dafür eine einfache und trotzdem aussagekräftige Größe, um in die Analyse einzusteigen. Die Bafin schaue sich aber auch sehr hohe Stornoquoten an, gerade in den ersten Vertragsjahren, in denen meistens ein Großteil der Abschlusskosten anfiele. Darüber stehe man in intensivem Austausch mit einzelnen Unternehmen.
Riester-Reform: Kommunizieren, was der Mehrwert einer Lebensversicherung ist
Mit Blick auf die geplante Reform der geförderten privaten Altersvorsorge wies Wiens auf ein möglicherweise höheres Stornoaufkommen im Riester-Altbestand durch die Wechseloption hin. Falls sich massenhaft Kunden gegen ihr bisheriges gefördertes Produkt entschieden und den Anbieter verließen, könne das für den Versicherer erhöhte Liquiditätsrisiken und auch Ertragsrisiken nach sich ziehen. Momentan könne man aber nur spekulieren, wie groß das Risiko tatsächlich sei. Die entscheidende Frage bleibe aus Sicht der Bafin, wie gut es den Lebensversicherern gelinge, ihre Alleinstellungsmerkmale nach außen zu kommunizieren, nämlich die lebenslange Rente und die Absicherung im Kollektiv.
Den Kostendeckel von 1% für das Standardprodukt sieht Wiens als Herausforderung für die deutschen Lebensversicherer. Produkte mit lebenslanger Rente stünden außerdem im direkten Wettbewerb mit anderen Produkten, bei denen die Leistungen nur bis zu einem Alter von 85 Jahren gezahlt werden. Daher fielen die monatlichen Auszahlungen höher aus. „Hier kommt auf die Branche reichlich Arbeit zu, ihr Produkt noch transparenter zu machen und zu erklären, was eigentlich der Mehrwert einer Lebensversicherung ist.“
Private Debt: In der Breite des Marktes keine Sorgen
Beim Thema Private Debt ist die Aufseherin in Bezug auf die Versicherungsbranche insgesamt nicht in Alarmstimmung. Der Anteil an den Kapitalanlagen liege nach einer zwei Jahren alten Umfrage durchschnittlich nur bei rund 5%. In der Spitze kämen einzelne Unternehmen aber durchaus auf 30%. Die aktuellen Zahlen würden derzeit von der Aufsicht erhoben. Kürzlich hat die BaFin zudem eine Ad-hoc-Abfrage durchgeführt, insbesondere aufgrund der vermehrten Berichterstattung über Ausfälle im US-Markt. „Und auch da können wir sagen: Insgesamt ist die Betroffenheit der deutschen Versicherungsbranche eher gering. Aber es gibt einzelne Unternehmen, die wir besonders in den Blick nehmen.“
Hier gehe die Bafin ins Gespräch mit den Gesellschaften und schaue sich speziell das Kapitalanlage-Risikomanagement und das im Unternehmen vorhandene Know-how an. „Versicherer müssen die Anlagen und die damit verbundenen Risiken auch wirklich verstehen“, sagte Wiens. „Hier gibt es sicherlich ein paar Unternehmen, auf die wir achten müssen, aber in der Breite mache ich mir keine Sorgen.“
| Run-off-Plattformen: Langfristige Interessen sind entscheidend |
| „Bei der Bewertung eines Run-off-Deals ist für uns wichtig, dass der Eigentümer einer Run-off-Plattform ein langfristiges Interesse an dem Bestand hat und damit zum Geschäftsmodell der Lebensversicherung passt. Ein Eigentümer mit einem Fünf-Jahres-Horizont ist für die Lebensversicherung schlichtweg nicht geeignet. Im Rahmen des Inhaberkontrollverfahrens sehen wir uns das sehr genau an. Die zweite Frage ist, ob die Run-off-Plattform technisch und operativ in der Lage ist, diese Bestände zu übernehmen und zu verwalten und einen angemessenen Kundenservice zu bieten. Denn für uns steht im Vordergrund, dass die Interessen der Versicherten auch in einem Run-off gewahrt sind. Die Gründe für den externen Run-off haben sich in letzter Zeit gewandelt. Früher war die Solvenz ein Treiber, heute sind es eher veraltete IT-Systeme. Regelmäßig stellt die IT-Migration des Versicherungsbestandes einen neuralgischen Punkt bei einem externen Run-off dar.“ JULIA WIENS, Exekutivdirektorin Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht der BaFin, im Gespräch mit der Zeitschrift für Versicherungswesen |
Lehren aus der Element-Insolvenz
Ein anderes Thema ist die Insolvenz des Digitalversicherers Element im vergangenen Jahr. Hieraus habe auch die Bafin ihre Lehren gezogen, erklärte Wiens. Man schaue sich das Thema Rückversicherungsbeziehungen nun sehr genau an, und zwar insbesondere die Abhängigkeit von einzelnen Rückversicherern. Und man habe inzwischen öffentlich kommuniziert, dass die Aufsicht überoptimistische Annahmen bei der Erneuerung der Rückversicherung in der Solvenzrechnung nicht akzeptiere. Problematisch sei auch das Thema „White Label-Produkte“. Hier verlange die Bafin eine transparentere Information der Kunden, die im Fall Element oft gar nicht gewusst hätten, wer eigentlich der Risikoträger ihrer Versicherung gewesen sei.
Eine grundsätzliche Lehre aus dem Element-Fall: „Wir nehmen Versicherer, die ein besonderes Geschäftsmodell haben, in den Fokus. Dabei spielt für uns die Tragfähigkeit der Geschäftsmodelle eine sehr wichtige Rolle“, so Wiens. Außerdem begrüße die Bafin ausdrücklich die geplante europäische Auffangeinrichtung für Schaden- und Unfallversicherer. „Selbst wenn die Kunden eines insolventen Kompositversicherers problemlos neuen Versicherungsschutz finden können: Das Thema Schadenregulierung im Insolvenzfall würde ohne Auffangeinrichtung ein Problem bleiben.“
Mehr Transparenz für Cyber
Aufgrund der steigenden Bedeutung der Cyber-Versicherung werden die Zahlen der Sparte ab dem Geschäftsjahr 2025 in einem gesonderten Berichtswesen erfasst. Momentan liefen gerade die Meldungen der Versicherer ein; man könne zu diesem Zeitpunkt aber noch keine Erkenntnisse daraus ableiten. Die Versicherer begrüßten bei Cyber ausdrücklich die erhöhten Informationsanforderungen der Aufsicht, sagte Wiens. Denn die gesammelten Cyber-Daten seien für die Anbieter eine gute Informationsquelle, auch um zu analysieren, wie ihr eigener Bestand im Vergleich zum Markt stehe und was es für Trends im Gesamtmarkt gebe, die man in einem kleinen Teilbestand womöglich nicht sehen könne.
Angesichts der sich verschärfenden Bedrohungslage durch Cyber-Angriffe erwartet die Bafin von den Versicherern, dass sie ihren eigenen Bestand genau analysieren und sich speziell das Thema Cyber-Kumule noch stärker auf die Agenda schreiben. Mit dem Einsatz von KI – insbesondere den neuen, leistungsfähigen Modellen wie „Mythos“ aus den USA, mit denen die Wahrscheinlichkeit für großflächige Cyberangriffe potentiell zunimmt – könne das Thema IT-Sicherheit schnell zu einem globalen Problem werden. „Es ist wichtig, dass die Unternehmen bei ihren eigenen Systemen sehr
wachsam sind.“ Auch bei der Kalkulation von Cyber-Produkten gelte es die aktuellen Trends zu beobachten und diese laufend bei der Risikoeinschätzung zu berücksichtigen.
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