Chancen und Risiken der Gesundheitsreform für die PKV
1. Mai 2026Dr. Marc Surminski |
Egal wie groß die große Gesundheitsreform der Bundesregierung am Ende wirklich wird – für die PKV gibt es Chancen, aber auch Risiken und Nebenwirkungen. Wachstumspotentiale für Zusatzpolicen bestehen, wenn Leistungen aus dem bisherigen Deckungsumfang der GKV ausgeschlossen werden, wie etwa beim Hautkrebs-Screening. Auch Einschnitte beim Krankengeld oder höhere Eigenanteile bei Krankenhausbehandlungen könnten durch entsprechende private Deckungsbausteine aufgefangen werden. Das würde dem Geschäft mit Zusatzpolicen, das angesichts der Schwierigkeiten der GKV eigentlich sowieso stärker wachsen sollte, zusätzlichen Auftrieb geben (und auch gute neue Argumente für die betriebliche Krankenversicherung liefern).
Politisch delikat ist die Frage, inwieweit die PKV von einer deutlichen Einschränkung der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern profitieren könnte. Diese sozialpolitische Errungenschaft war bisher ein starkes Argument für gutverdienende Angestellte, in der GKV zu bleiben. Jetzt könnte die Rechnung – je nach den Kosten, die für eine Beitragspflicht der Ehepartner in der GKV tatsächlich aufgerufen werden – aber zu Gunsten der PKV ausfallen. Zusätzlich könnten auch die Pläne, die Beitragsbemessungsgrenze in der GKV anzuheben und damit Gutverdiener zu belasten, die PKV für diesen Kreis attraktiver machen.
Wie groß das Neukunden-Potential aber tatsächlich für die PKV wäre, ist angesichts des zum Teil höheren Alters der mitversicherten Partner ungewiss. Die politischen Kritiker der PKV sind allerdings schon alarmiert: „Wenn die GKV ihren größten Vorteil für Familien verliert, treiben wir gutverdienende Versicherte regelrecht in die Arme der privaten Krankenversicherung“, warnte der DGB. Ob Gesundheitsministerin Warken wirklich eine „Massenflucht von Gutverdienern in die PKV” erwartet, wie der „Spiegel” es formuliert, ist eher fraglich. Das Ministerium sieht aber immerhin ein Potenzial von rd. 100.00 GKV-Versicherten, die wechseln könnten. Das wäre schon ein echter Neukunden-Boost für die Vollversicherung.
Leistungskürzungen in der GKV sind strukturell immer ein Vorteil für das Geschäft der PKV. Kürzungen bei den Honoraren der Leistungserbringer sind dagegen für die PKV gefährlich. Traditionell holen sich die Ärzte das, was ihnen bei der Behandlung der gesetzlich Versicherten wegfällt, über höhere Abrechnungen bei den Privatversicherten wieder. Es braucht nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, wie Ärzte und Zahnärzte auf die neuen Vergütungsbeschränkungen reagieren würden: mit einer Optimierung der Vergütung über die PKV. Schon heute werden die Möglichkeiten der GOÄ bis an die Obergrenze und darüber hinaus ausgenutzt; Behandlungen zum Standardsatz scheint es kaum mehr zu geben. Dieser Trend würde sich weiter verstärken. Am Ende zahlen dann die PKV-Versicherten über höhere Prämien für die Leistungskürzungen bei den GKV-Versicherten. Zehn Prozent der Bevölkerung müssten dann indirekt für das politische Sparprogramm bei 90% der Bevölkerung aufkommen, weil sich die Leistungserbringer für die Budgetkürzungen bei ihnen schadlos halten.
Von zusätzlicher Kapitaldeckung ist im aktuellen Reformprozess übrigens noch nicht die Rede. Hier geht es nur um das kurzfristige Überleben des Systems durch Einsparungen, aber nicht um die langfristige Stabilisierung, die ja kaum aus der Strategie „mehr Geld, weniger Leistungen“ bestehen kann. Für die Zukunftsperspektive sollen weitere Vorschläge der Expertenkommission folgen. Vielleicht schlägt dann endlich die Stunde der PKV als Anbieter von kapitalgedeckten Lösungen in der Kranken- und Pflegeversicherung.
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