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Das Cyber-Dilemma

15. Dezember 2018

Dr. Marc Surminski |

Die Digitalisierung verändert nicht nur das traditionelle Geschäftsmodell der Versicherer – sie schafft auch neue Geschäftsfelder. So sind Cyber-Deckungen die große Wachstumshoffnung vieler Erst- und Rückversicherer. Sie verheißen Bewegung in einem Markt, der ansonsten weitgehend verteilt ist, kaum zusätzliches Geschäftspotenzial bereithält und im Wesentlichen von Verdrängung gekennzeichnet ist.

Die Cyber-Hoffnungen sind aber bislang zumindest in Deutschland nicht so recht Wirklichkeit geworden. Noch immer wartet die Branche auf den großen Durchbruch. Sowohl bei den globalen Industrie-Kunden als auch im Mittelstand dominiert bislang auf Kundenseite eher Zurückhaltung. Auch wenn kürzlich einige große Industriekonzerne wie Siemens den Abschluss von Cyber-Verträgen angekündigt haben – insgesamt verläuft die Entwicklung schleppend.

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Fehlende Marktstandards dürften aber ein zentraler Grund sein, warum die Kunden bisher spröde sind. Die GDV-Musterbedingungen haben daran offenbar wenig geändert; manche Makler sehen sie wegen ihrer restriktiven Vorgaben etwa bei der Einhaltung von IT-Sicherheitsstandards sogar eher als Hindernis für Abschlüsse an. Und im Dickicht der sonstigen Wordings und internationalen Deckungsvarianten im Markt fällt es vielen Kunden und Vermittlern schwer, den Überblick zu behalten.

Die zögerliche Markteroberung könnte sich aber für die Branche als Segen herausstellen. Die Versicherer fürchten die großen Kumulrisiken, die sich etwa aus globalen Cyberattacken ergeben können, und sie machen sich Sorgen wegen Silent-Cyber-Risiken, die in herkömmlichen Deckungen schlummern und die Gefahr gewaltiger, nicht einkalkulierter Schadenlasten bergen. In den USA zeigen aktuelle Marktstudien, dass die durchschnittlichen Schadenquoten bei separaten Cyber-Verträgen sehr auskömmlich unter 50% liegen. Bei Cyber als Teil allgemeiner Versicherungsprogramme liegen die Quoten aber bei 110%. Das Risiko, sich mit Cyber erhebliche Verluste einzuhandeln, ist also real. Und neue spektakuläre Fälle wie etwa die US-Hotelkette Marriott zeigen, dass hier insgesamt Milliardenschäden drohen können.

Zumindest die europäischen Versicherer profitieren momentan von der Gnade der späten Geburt. Sie sind noch nicht voll im Risiko; viele können beobachten, wohin die Reise geht und ihr Underwriting entsprechend gestalten. In der zuletzt merklich abgekühlten Cyber-Euphorie spiegelt sich eine wachsende Skepsis, ob sich dieses Geschäft im großen Maßstab (mit den Industrie-Giganten, aber auch mit Millionen Mittelständlern und Freiberuflern) wirklich langfristig ertragreich betreiben lässt.

Das Cyber-Dilemma ist noch nicht aufgelöst. Der Hoffnung auf lange vermisstes Wachstum steht die Angst vor womöglich existenzbedrohlichen Schadenlasten entgegen. Policen, die sich die Versicherer noch trauen, brauchen die Kunden womöglich nicht, weil sie im Ernstfall zu restriktiv sind. Was aber alle Kunden außerhalb der Liga der Großkonzerne auf jeden Fall brauchen, ist Hilfe bei der Risikobewertung und der Risikoabwehr. Zusammen mit Services im Schadenfall und bei der Wiederherstellung des Betriebes sind das die zentralen Dienstleistungen, die Versicherer ihren Kunden bieten müssen. Damit kämen sie aus der traditionellen Sphäre der bloßen finanziellen Leistungen bei Schäden hinaus. Versicherer sollten vor allem ihr Risiko-Know-how zu Geld machen und die entsprechenden Dienstleistungen gegen gute Bezahlung verkaufen. Damit gehen sie Megaschäden aus dem Weg, und liefern genau das, was ihre Kunden eigentlich wollen: konkrete Hilfe beim Umgang mit einem relativ neuen Risiko.

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