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Die neue Lust an der Börse

15. Mai 2019

Dr. Marc Surminski |

In Deutschland ist eine erstaunliche Begeisterung für die Kapitalmärkte ausgebrochen. Lange Jahre wurde die Börse von der Mehrheitsmeinung in der Politik und in den Medien als „Zocker-Casino“ diffamiert; die Gewinne auch am deutschen Aktienmarkt machten meist ausländische Investoren. Das hat sich grundlegend geändert: Das Investment in Aktien ist seit einiger Zeit zum großen Zukunftsthema geworden, wenn es darum geht, Altersarmut zu verhindern. Verwundert reibt man sich die Augen, was aus den sicherheitsfixierten Deutschen geworden ist.

Es fing damit an, dass schwarze und grüne Politiker eine Deutschland-Rente ausheckten, um nach dem Vorbild Skandinaviens die Kapitalmärkte für die notleidende Altersvorsorge arbeiten zu lassen. Die SPD bekannte sich mit der Nahles-Rente zu höheren Ertragschancen auf den Kapitalmärkten – ohne die Fesseln traditioneller Garantien. Deutschlands angesehenstes Wirtschaftsforschungsinstitut, das Ifo in München, schlug mit der Idee des „Bürgerfonds“ gleich die Auflegung eines großen staatlichen Aktienfonds auf Pump vor, um in künftigen Jahren mehr Mittel für die Altersvorsorge jedes Bundesbürgers zu erwirtschaften. Und selbst die Verbraucherschützer schwören mittlerweile auf Aktien: Die „Extra-Rente“, die der Verbraucherzentrale Bundesverband kürzlich ins Spiel brachte, setzt auf individuelle Renditemaximierung ohne Netz und doppelten Boden.

All diese Konzepte speisen sich aus der Überzeugung, dass die klassischen Instrumente der Altersvorsorge wie Lebensversicherungen in der Zinskrise nicht mehr funktionieren und auch wegen zu hoher Kosten keine Zukunft haben. Außerdem liebäugeln viele der neuen Ideen mit einem sanften Zwangssystem, etwa über Opting-Out-Modelle. Das soll das Vertriebskostenproblem lösen – indem man schlicht die Kosten für Vermittlung einspart.

Der offenbar grenzenlose Optimismus in Bezug auf die Aktienmärkte speist sich aus den Erfahrungen des letzten Jahrzehnts, in dem die Zinsen verschwanden und die Börsen meist nur eine Richtung kannten: stark nach oben. Falls sich das einmal ändert, dürfte es für manche neuen Freunde des Aktiensparens ein böses Erwachen geben. Die Versicherer tun gut daran, auf ihre besonderen Stärken in der Altersvorsorge zu setzen: Kollektive Lösungen, die aber kostengünstiger als heute sein müssen, mehr Spielraum für Aktieninvestments bieten und natürlich als einzige biometrische Risiken abdecken, haben gute Chancen, langfristig in der Pole-Position für die Altersvorsorge zu bleiben.

Grundsätzlich positiv an der neuen Aktieneuphorie ist natürlich die Tatsache, dass die meisten politischen Parteien und die Verbraucherschützer nun anerkennen, dass es in der Altersvorsorge ohne den Rückgriff auf die Kapitalmärkte nicht möglich ist, die elementaren Schwächen der Umlagesysteme angesichts der großen demographischen Verwerfungen in den nächsten Jahren auszugleichen. Noch besser wäre es aber, wenn sich diese Erkenntnis auch in der Kranken- und Pflegeversicherung durchsetzte. Hier sind die Probleme ähnlich existentiell, aber Kapitaldeckung als Lösung ist bis heute für die meisten Politiker und Verbraucherschützer tabu.

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