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Die Zukunft der deutschen Versicherungswirtschaft – ein Blick ins Jahr 2025

15. Juni 2020

M.S.|

Wer anlässlich eines Jubiläums zurückblickt, sollte auch den Blick nach vorn nicht vergessen. Die Zeitschrift für Versicherungswesen hat deshalb den bekannten Futurologen Prof. Rouven Quest-Bitternich von der Hochschule für abgewandte Wissenschaften in Siegen eine Studie zum Thema „Die deutsche Versicherungswirtschaft im Jahre 2025“ erstellen lassen. Grundlage war eine repräsentative Online-Befragung von 1.200 Bundesbürgern durch das Institut Twilight-Statistica in Köln. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie stellen wir hier exklusiv vor.

Zunächst eine gute Nachricht: Gut 92% aller Deutschen interessieren sich aktuell nicht für Versicherungen. Knapp 90% haben auch nicht vor, sich in fünf Jahren für Versicherungen zu interessieren. Aus Sicht des Zukunftsforschers ist das für die Versicherer grundsätzlich positiv zu bewerten. Sie können weitermachen wie bisher, denn auch bisher war ja das mangelnde Interesse der Deutschen an Versicherungen kein Grund, nicht erfolgreich im Markt zu sein. Aber Prof. Quest warnt die Branche, sich zu sicher zu fühlen: Wenn das Desinteresse über 95% steigt, könnte die Versicherungswirtschaft verschwinden, ohne dass es jemand merkt.

Die Branche wird weiblicher – zum Teil

Wie kann man künftig mehr Frauen für den Versicherungsvertrieb begeistern? Nach einer vielbeachteten aktuellen Untersuchung des Berliner Instituts für Geschlechtergerechtigkeit in der deutschen Finanzwirtschaft (IFGIDDF) sind rund 50% aller Deutschen weiblich. Bei den männlichen Versicherungskunden ist dieser Anteil dagegen signifikant niedriger. Das hängt auch damit zusammen, dass der Versicherungsvertrieb bis heute überwiegend männlich geprägt ist. Prof. Quest-Bitternich schlägt eine konsequente Nutzung gendergerechter Sprache vor, damit sich auch Frauen künftig von diesem Beruf angezogen fühlen können. Statt des Plurals „Umdecker“ sollte „Umdeckerinnen“ verwendet werden; analog hieße es dann im Vertrieb künftig „84erinnen und „Drückerinnen“. Alternativ könnte man auch neutral von „Umdeckenden“ und „Drückenden“ sprechen, um die einengende Geschlechter-Festlegung zu vermeiden. Kunden, die ihr Recht auf Vertragsauflösung ausüben, sollten ohne Vorverurteilung als „Stornierende“ bezeichnet werden.

Bis zum Jahr 2025, so die Prognose, wird sich diese Form der Geschlechtergerechtigkeit im Versicherungsmarkt etabliert haben. Mit einer Frau an der Spitze des GDV sei allerdings nicht vor Mitte des Jahrhunderts zu rechnen.

2025 ist das Jahr, in dem wir uns von etlichen liebgewordenen Themen verabschieden müssen, lautet die Einschätzung des Zukunftsforschers. So wird der letzte Streitfall zur Deckung von Betriebsschließungsschäden nach der Corona-Pandemie vom BGH entschieden. Es geht für die Versicherer nicht gut aus. Außerdem wird jetzt der Provisionsdeckel so festgemacht, dass jeder Widerstand zwecklos wäre. Bei 3,25% inkl. Qualitäts-Bonus ist nun kein Druck mehr im Kessel. Fast zeitgleich mit dem Namensgeber wird in diesem Jahr auch die Riester-Rente endgültig zu Grabe getragen. Die Reformversuche hatten sich über zwei Legislaturperioden hingezogen, aber zu nichts geführt. Jetzt setzt sich die lange geplante Einheits-Fondslösung durch. Die Proteste in der Union sind nur noch schwach, denn es gibt immer weniger Vermittler, für deren Stimmen es sich noch zu kämpfen lohnte.

Aber manches bleibt auch im Jahr 2025 wie es immer war, beruhigt Prof. Quest-Bitternich: In der deutschen Versicherungswirtschaft werden kontinuierlich Bestände aus Altsystemen in neue Kernsysteme migriert, und Vebraucherschützer streiten sich weiter mit den Aktuaren, ob die deutschen Lebensversicherungskunden wirklich 120 Jahre alt werden müssen.

Dynamik der Digitalisierung

Unverändert auf der Überholspur sieht der Zukunftsforscher die Insurtechs. Sie profitierten von ihrer überragenden Fähigkeit, sich neuen Trends anzupassen oder diese gleich selbst zu erfinden und mit ausreichend Aufwind zu versorgen. Außerdem vermeiden es die meisten Insurtechs geschickt, Gewinne zu erzielen, um Investoren nicht zu verunsichern. Geht alles gut, könnte es bis zum Jahr 2025 sogar erste echte Innovationen geben. Wefox wird aber wahrscheinlich nicht vor 2098 der größte Versicherer der Welt sein.

2025 wird auch das 25. Jubiläum von Googles Nichteinstieg in den Versicherungsmarkt begangen. Dafür ist Amazon da. Der Internet-Gigant baut zusammen mit anderen digitalen Playern die definitive Versicherungslösung: Eine All-In-Deckung für alle Lebensrisiken, die sich automatisch an veränderte Lebensumstände anpasst und kompletten Versicherungsschutz gegen eine monatliche Flatrate anbietet. Prof. Quest-Bitternich formuliert den zentralen Kundennutzen dieses Angebots, wie er sich in diversen Tiefeninterviews mit deutschen Versicherungskunden herauskristallisiert hat: „Endlich muss ich mich nicht mehr mit Versicherungen beschäftigen.“

Für Versicherer und Vermittler sei dieses Konzept ein gefährlicher Angriff auf das bisherige Geschäftsmodell, so der Wissenschaftler. Viele Gesellschaften könnten als bloße Zulieferer von Deckungskapazität für den großen Versicherungsvertreiber Amazon enden. Und für den persönlichen Vertrieb bliebe womöglich nur das schmale Segment von älteren bzw. stark service-orientierten Kunden, die sich bewusst dafür entscheiden, dass Herr Kaiser noch zu ihnen zum Kaffee kommt, und die auch bereit sind, auch entsprechend mehr dafür zu bezahlen. Nach einer Blitzumfrage von Asscompact unter deutschen Vertriebsverantwortlichen setzen 75% weiter auf die Trägheit der deutschen Kunden in Versicherungsfragen als Abwehrstrategie. Der Rest ist unentschlossen.

Neue Perspektiven für die PKV

Der PKV steht 2025 im Bundestagswahlkampf wieder ein neues Kapitel der unendlichen Geschichte „Kampf um die Vollversicherung“ bevor. Nachdem die neue schwarz-grüne Koalition 2021 das Thema im Koalitionsvertrag vorläufig begraben hatte, kommt es nun ganz anders: Die Grünen erklären die kapitalgedeckte Krankenversicherung zum Leuchtturm für nachhaltiges Wirtschaften; nach der knapp gewonnenen Bundestagswahl führen sie Kapitaldeckung auch in der GKV ein und öffnen die PKV für die gesetzlich Versicherten.

Von diesem Schock erholt sich die Branche nur langsam. Sie lebt argumentativ erst wieder auf, als die SPD bei den Prognosen zur Bundestagswahl 2029 auf zweistellige Werte kommt und der Feind wieder links stehen könnte. „Aber das liegt schon deutlich außerhalb meiner kleinen Zukunftserkundung“, sagt Prof. Quest-Bitternich.

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