Disruption durch KI
1. März 2026Dr. Marc Surminski |
Seit Jahren ist KI einer der größten Hypes in der Geschichte der Versicherungswirtschaft In der Theorie schienen die Möglichkeiten grenzenlos. In der Praxis sah es bescheidener aus: Hierzulande schmückten sich viele Versicherer mit einem hauseigenen KI-Informationssystem für ihre Mitarbeiter, und in der Schadenbearbeitung wurden mancherorts beachtliche Automatisierungsfortschritte erzielt – das war es aber dann auch schon im Wesentlichen.
Jetzt ist KI auf einem neuen Level angekommen. Und das disruptive Potential, das in der Technik steckt, offenbart sich in der Praxis. Einschneidende Veränderungen zeichnen sich in verschiedenen Bereichen ab. So sind etwa die großen Anbieter von Versicherungssoftware in letzter Zeit an der Börse unter Druck geraten – weil neue KI -Anwendungen ihr Geschäftsmodell bedrohen. Der KI-Konzern Open AI zielt seit Anfang des Jahres mit seiner neues Plattform Frontier auf Unternehmenskunden, die seine ChatGPT-Software nutzen sollen. Zu den ausgewählten Einführungskunden gehört der große US-Versicherer State Farm.
Werden Versicherungs-Anwendungen von KI-Anbietern künftig den Umbau der Altsysteme revolutionieren? Das kann auch für diejenigen Versicherer zum Problem werden, die für viel Geld die Umstellung ihrer Kernsysteme auf moderne Standardsoftware vorangetrieben haben oder mitten in der Transformation stecken. Bleiben diese teuren IT-Lösungen langfristig noch wettbewerbsfähig, oder altern sie schneller als geplant? Womöglich sind dann diejenigen Versicherer im Vorteil, die sich mit der notwendigen Erneuerung ihrer Kernsysteme Zeit gelassen haben und die nun auf günstigere, KI-gesteuerte Module bei ihrem Umbau der Alt-IT setzen könnten.
Eine noch direktere Wirkung wird der Einsatz von KI im Kunden- und Vertriebsbereich haben. Hier gab es zuletzt bemerkenswerte Neuigkeiten. So bietet das spanische Insurtech Tuio Nutzern den direkten Zugang zu Gebäude- und Hausratpolicen über ChatGPT. Die App soll demnächst nach Deutschland kommen. Auch die US-Vergleichsplattform Insurify will künftig über ChatGPT Versicherungsabschlüsse direkt per normalem Sprachdialog in Echtzeit möglich machen.
ChatGPT erreicht weltweit wöchentlich rd. 800 Mio. aktive Nutzer – ein gewaltiges Potential für die Versicherer, das künftig ohne Vermittler erschlossen werden könnte. Dabei droht den Versicherern allerdings ähnlich wie heute bei den Vergleichsportalen die Gefahr, am Ende nur noch reine Produktlieferanten zu sein. Die neuen Anwendungen für ChatGPT haben die Börse jedenfalls beeindruckt: Die Kurse von großen Versicherern und Maklern brachen zeitweise kräftig ein. Anleger befürchteten, dass Versicherer und Vermittler künftig durch KI zunehmend überflüssig werden könnten.
Bislang verlief die digitale Transformation der Versicherungswirtschaft einigermaßen gemächlich. Die traditionellen Geschäftsmodelle und die traditionellen Vertriebe zeigten in Deutschland große Beharrungskräfte – auch weil das Thema Versicherungen die Menschen nicht besonders interessiert und viele froh sind, es an einen Vermittler delegieren zu können. Wenn aber leistungsstarke KI-Agenten die Rolle des Vermittlers übernehmen und ihren Auftraggebern in Sekundenbruchteilen Angebote aus der Breite des Versicherungsmarktes machen und die Verträge im Zusammenspiel mit dem Versicherer auch abschließen, könnte es zu einer echten Disruption kommen. Die Versicherer vertrauen heute auf die persönlichen Vermittler, um die Kunden zu erreichen und zu halten. Ob das Modell noch trägt, wenn KI auch den Vertrieb erobert hat, muss sich zeigen.
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