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Eine Frage der Zukunftsfähigkeit

1. November 2020

Dr. Marc Surminski |

Eigentlich könnte es ein goldener Herbst für die Rückversicherer sein: Die seit Jahren herbeigesehnte Verhärtung des Marktes ist da. Spätestens die Milliardenschäden durch Corona haben für die Trendumkehr gesorgt. In der Erneuerungsrunde zum 1. Januar 2021 werden Verlustbringer zur Kasse gebeten, und alle anderen Sparten gleich mit. Im Gleichschritt mit der Industrieversicherung gehen die Rückversicherer an die Sanierung. Hier wie dort sollte es eine Sanierung mit Augenmaß sein, wenn der Begriff „langfristige Kundenbeziehung“ keine Worthülse aus früheren Zeiten des deutschen Versicherungsmarktes ist.

Außerdem würde eine allzu brutale Sanierung dazu führen, dass Erstversicherer, aber auch große Industriekunden verstärkt über neue Formen des Risikotransfers in den Kapitalmarkt nachdenken. Momentan ist viel alternatives Kapital in Schadenfällen „gefangen“, und der Druck auf die Versicherer hat etwas nachgelassen. Das muss aber nicht immer so bleiben, denn attraktivere Konditionen in der Rückversicherung werden wieder vermehrt neue Investoren anlocken, die dann womöglich an den traditionellen Kapazitätsgebern vorbei neue Lösungen bieten.

Die Preiswende in der Rückversicherung wird aber von einer grundsätzlichen Debatte überlagert, die seit Corona die Schlagzeilen beherrscht: Welche Deckung kann die Versicherungswirtschaft ihren Kunden gegen derartige systemische Risiken überhaupt anbieten? Die Frage betrifft nicht nur das Pandemierisiko, sondern auch den Bereich Cyber: Hier drohen ebenfalls systemische Risiken, etwa durch die Lahmlegung von weltweit gebräuchlichen IT-Systemen.

Schnell herrschte in der Branche Konsens, dass Pandemierisiken, wie sie sich jetzt mit Corona manifestiert haben, privatwirtschaftlich nicht zu decken sind. Es wird jetzt Aufgabe auch der Rückversicherer sein, mit ihrer Expertise eine staatliche Auffanglösung für das Risiko zu schaffen. Die gemeinsame Terrordeckung, die immer als Vorbild genannt wird, deckt nur vergleichsweise überschaubare, einzelne Schäden ab, keine weltweite Pandemie, die unser gesamtes Gesellschaftssystem in Schwierigkeiten bringt. Vielleicht wird aber am Ende die Erkenntnis stehen, dass es einfach nicht möglich ist, hier für das Pandemierisiko auch mit Unterstützung des Kapitalmarktes und des Staates eine vernünftige Lösung zu schaffen, die angesichts der gewaltigen Schäden überhaupt etwas bringt.

Bei Cyber ist die Lage ebenfalls komplex: Die Sparte ist der Hoffnungsträger einer Branche, die fürchtet, in anderen Bereichen zunehmend an Relevanz zu verlieren und die dringend eine echte Wachstumsgeschichte in der Non-Life-Versicherung braucht. COVID-19 hat die Wirtschaft lahmgelegt; ein Computervirus könnte das künftig auch tun, wenn er global Unternehmen angreift. Systemische Risiken wie Netzausfälle wird man kaum versichern können. Und reicht das Kumulmanagement der Branche aus, wenn tatsächlich weltweit zahllose Einzelunternehmen gleichzeitig betroffen sind?

Im Corona-Jahr 2020 steht auch die Zukunftsfähigkeit der Rückversicherung beim Umgang mit diesen existentiellen Risiken zur Debatte. Jenseits der aktuellen Scharmützel um das richtige Preisniveau und die richtigen Ausschlüsse muss sich die Branche die Frage stellen, ob sie eine Lösung für diese Risiken hat. Ihre Zukunft hängt nicht am Erfolg der momentanen Sanierung, sondern an den richtigen Antworten auf diese Frage.

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