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Gefangen in der Überkapitalisierung

1. November 2018

Dr. Marc Surminski |

Die Zeiten, da sich die Rückversicherer von großen Schäden eine Verhärtung des Marktes erhofften, sind offenbar endgültig vorbei: Der Hurrikan Michael richtete kürzlich in den USA versicherte Schäden von bis zu 10 Mrd. US-Dollar an – beim Rückversicherertreffen in Baden-Baden war das nur ein Randthema. Die Branche ist seit Jahren gefangen in einer besonderen Marktsituation: Es gibt durch die alternativen Kapitalgeber so viel Kapazität, dass die Preise permanent unter Druck bleiben, egal wie hoch die Schäden sind. Gleichzeitig können aber zumindest die großen Rückversicherer mit dieser Situation zurechtkommen: Wachstum fällt ihnen zwar schwer, aber ihre Erträge sind immer noch ansehnlich.

„Wäre das Rückversicherungsgeschäft nicht attraktiv, würde nicht so viel Kapital zur Verfügung stehen“ brachte Jan-Oliver Thofern, Deutschland-Chef des Rückversicherungsmaklers Aon, die Lage in Baden-Baden auf den Punkt. Für die Zukunft müssen sich die klassischen Rückversicherer womöglich sogar darauf einstellen, dass Kapitalmarktlösungen auch für Longtailsparten wie Haftpflicht angeboten werden, wenn Rückversicherer hier etwa die echten Langfristrisiken übernehmen und die Kapitalinvestoren die kurzfristigen. Dann wären Rückversicherer wieder wie schon im NatCatBereich die Geburtshelfer für eine Bewegung, die ihren Markt am Ende empfindlich unter Druck setzt.

Was können die Rückversicherer tun, um diesen kapitalgesättigten Markt zu drehen? Flammende Appelle an die Zeichnungsdisziplin sind jedes Jahr zu hören – bislang und auch diesmal wohl vergeblich. Das Abrutschen von Schlüsselsparten wie Kfz in die roten Zahlen verhindern? Schwierig, wenn versicherungstechnische Vernunft weniger zählt als Wachstumszahlen, um Investoren bei Laune zu halten. Es werden immer die gleichen Fehler gemacht, allerdings meist von anderen Leuten.

Bleibt schließlich nur die Option, auf neue Wachstumsfelder wie Cyber zu hoffen? Hier sind die Töne deutlich leiser geworden. Der Markt wächst längst nicht so stark, wie man sich das vor einigen Jahren erhofft hatte. Und das ist womöglich auch gut so, denn mittlerweile sind dunkle Schadenwolken aufgezogen; aus Angst vor den Kumulgefahren gehen die Kapazitäten sogar zurück, und die Preise ziehen an. Das sieht nicht unbedingt nach einer starken Wachstumswelle für die Rückversicherung aus. Große Risiken mit kaum Versicherungsschutz – das klingt zwar wie eine gute Wachstumsstory, aber aus gutem Grund schrecken heute Erst- und Rückversicherer zunehmend davor zurück, hier die Versicherungsdeckung im Markt massiv zu erhöhen.

Womöglich gehört eine solche Konsolidierungsphase zur Reifung eines neuen Marktes dazu, aber es bleibt die prinzipielle Frage, ob die Versicherer dieser relativ neuen Situation überhaupt gewachsen sind: „Die größte Gefahr bei Cyber ist das strategische Risiko, dass wir nicht mit einer Lösung für unsere Kunden aufwarten“, sagte Munich Re-Vorstand Doris Höpke in Baden-Baden. Hier tut sich ein Dilemma auf: Die künftige Relevanz für eine digitale Welt steht grundsätzlich gegen die Notwendigkeit, Risiken für das eigene Geschäft so zu begrenzen, dass sie nicht existenzgefährdend werden. Weil hier Kumulrisiken drohen, die keine Parallelen in der Vergangenheit haben, ist das Prinzip Hoffnung nicht angebracht. Eine Möglichkeit wäre, auch hier den Kapitalmarkt zu nutzen um die gewaltigen Risiken zu decken, etwa über parametrische Deckungen mit festem Trigger wie in NatCat. Aber dann müssten die Rückversicherer den neuen, großen Kuchen gleich wieder teilen. Besser, als ihn nicht zu essen oder sich daran zu verschlucken wäre das aber allemal.

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