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Kein Instinkt für die wirkungsvolle politische Geste

15. April 2020

Dr. Marc Surminski |

Zwei Lehren kann man bis jetzt aus der Corona-Krise ziehen: Die deutschen Versicherer haben in der Not mit ungeahnter Geschwindigkeit ihren Betrieb umgebaut und bei der digitalen Transformation ihres Geschäftes einen großen Schritt vorwärts gemacht. Die Assekuranz hat Handlungsfähigkeit bewiesen; die vielen Szenarien, die den traditionsreichen Versicherern mit ihrer Alt-IT den baldigen technischen K.O. vorhergesagt haben, waren falsch.

Die politischen Dimensionen der Krise haben die Versicherer aber bisher weitgehend unterschätzt. Die Branche steht nun wegen der unglücklichen Diskussion um die Betriebsschließungsversicherung in der Öffentlichkeit insgesamt schlecht da, auch wenn viele Versicherer ihren Kunden an anderer Stelle mit etlichen Maßnahmen unbürokratisch entgegenkommen, etwa bei der Stundung von Beiträgen.

Es fehlt der Branche der Instinkt für die wirkungsvolle politische Geste. Ein gemeinsamer Fonds zur Linderung der Probleme bei den betroffenen Unternehmen, wie ihn die französische Versicherungswirtschaft im engen Schulterschluss mit der Politik umgesetzt hat, mag in der Praxis nur wenig helfen. Aber seine Symbolwirkung ist nicht zu unterschätzen. Die Haltung der meisten deutschen Versicherer ist dagegen ein Symbol für die klassische Verweigerungstaktik, die Kritiker der Branche gern unterstellen. Statt als tatkräftige Helfer in der Not aufzutreten, agieren viele Gesellschaften als Meister des Kleingedruckten und der Deckungsausschlüsse. Für die Reputation der Assekuranz ist das verheerend, so gut die Argumente im Einzelnen auch sein mögen.

Dringend nötig gewesen wäre ein einheitliches Vorgehen der Branche in dieser Frage. Einheit bei den großen Themen war trotz aller Heterogenität bislang immer die Stärke der deutschen Versicherungswirtschaft. In der größten Krise der Nachkriegszeit gibt es diese Einheit bisher nicht. Dass in einem solchen historischen Moment ausgerechnet die Zwergsparte Betriebsschließungsversicherung mit einem Prämienvolumen von 25 Mio. Euro den deutschen Versicherern den Auftritt verdirbt, ist dabei einigermaßen bizarr.

In Deutschland hat bisher nur die Generali wirklich erkannt, welche Bedeutung die Corona-Krise über das reine Versicherungsgeschäft hinaus hat. Mit der Auflegung eines Solidarfonds zeigt sie sich als Helfer. In Italien, wo die Dimensionen der Krise noch viel schrecklicher sind, hat man solche Lehren offenbar früher gezogen. Über die Symbolwirkung hinaus schafft die Generali mit ihrem finanziellen Engagement aber auch ein Instrument, mit dem die Vermittler die Firmenkunden kontaktieren und konkrete Hilfe anbieten können. Es dürfte gut angelegtes Geld sein.

Die Allianz hat zu Recht darauf hingewiesen, dass eine Pandemie die Möglichkeiten des privaten Versicherungsschutzes überschreitet, und dass letztlich nur über staatliche Lösungen (etwa Rückversicherungsmodelle wie bei der Terrordeckung) eine Risikobewältigung möglich ist. Bevor man nach dem Staat ruft, sollte man als Branche aber die Reihen schließen und seinen Teil dazu beitragen, die Folgen der Krise zu bekämpfen. Der Streit um Versicherungsbedingungen ist dabei kein sinnvoller Beitrag in diesem Kampf. Eine große Solidaritätsaktion der gesamten Branche dagegen schon.

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