Lernen, mit dem Risiko KI im Underwriting umzugehen
1. August 2026Dr. Marc Surminski |
Der Hype um KI ist grenzenlos – auch in der Versicherungswirtschaft. Aktuell dominieren vor allem radikale Veränderungen durch KI in der Kundenkommunikation, in der Schadenbearbeitung, bei der Programmierung oder im Vertrieb die Diskussion. Ein anderer wichtiger Bereich des Versicherungsgeschäftes steht dagegen bisher weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit: Welche Auswirkungen hat KI auf die Risikolage und das Underwriting in der Sachversicherung?
Analog zum Cyber-Risiko wurde zwar von manchen Experten schon die Gefahr von Silent-KI beschworen – auf die man dann am besten mit Ausschlüssen reagieren sollte. Damit würde die Branche aber die Versicherbarkeit etwa von Industrierisiken insgesamt in Frage stellen, denn KI ist mittlerweile eine zentrale Technologie bei der digitalen Transformation der Wirtschaft. Der massenhafte Einsatz von KI-gesteuerten Chips etwa in der Produktion macht deutlich, um welche Risikodimensionen es hier gehen kann, sollte zum Beispiel fehlerhafte KI für Betriebsunterbrechungen in großem Ausmaß sorgen.
Das Problem für die Underwriter: Bei KI handelt es sich nicht um ein Einzelrisiko, sondern um eine Querschnittstechnologie, die überall zu finden sein kann. Das eigentliche Risiko für die Versicherer ist nicht die einzelne KI-Anwendung, sondern die unerkannte Aggregation innerhalb bestehender Deckungen. Und dieses Risiko ist häufig eher unsichtbar, weil KI in Maschinen, Gebäuden, Steuerungen und Lieferketten eingebettet funktioniert. Ein weiteres Problem: Schadenursachen sind oft softwarebasiert, und die Abgrenzungen zwischen Sach, Cyber und Produkthaftung können verschwimmen. Außerdem besteht eine erhebliche Kumul-Gefahr durch global verbreitete gleiche KI-Modelle, gleiche Cloud-Infrastruktur und Softwarebibliotheken.
Unklar ist – wie vor einigen Jahren auch in Cyber –, inwieweit für diese Risiken die bisherigen Policen greifen. KI-Risiken sind Silent Risks, die durch technologische Veränderungen entstehen können. Und das Risiko Silent KI entsteht eben aktuell als neues, strukturelles Änderungsrisiko durch den zunehmenden KI-Einsatz bei den Kunden.
Wie sollen die Versicherer mit diesem großen Risikopotenzial, das sich bislang allerdings noch kaum in konkreten Schadenfällen realisiert hat, künftig umgehen? Die Branche steht heute beim Umgang mit dem KI-Risiko im Underwriting noch ziemlich am Anfang. Viele Versicherer fragen sich momentan, welche Risiken durch den KI-Einsatz implizit in der bisherigen Deckung enthalten sind. Wie kann man die Risken quantifizieren? Gibt es eindeutig identifizierbare Gefahrenquellen? Kann das Risiko heute schon aktiv gemanagt werden?
Ein realistischer Blick auf die Lage zeigt: Pauschale Antworten oder gar konkrete Handlungsempfehlungen gibt es bislang noch kaum. Es kommt jetzt für die Versicherer zunächst einmal darauf an, Verständnis für KI als Querschnittstechnologie zu entwickeln, die Wirtschaft und Gesellschaft künftig stark verändern wird. Außerdem sollte sie aktuelle Marktbewegungen beim Umgang mit dem KI-Risiko genau beobachten und für möglichst große Transparenz bei der eigenen Risikoexponierung sorgen.
Pauschale Ausschlüsse können nur das letzte Mittel sein, denn damit würde die Versicherungswirtschaft einmal mehr die Frage aufwerfen, wie relevant sie noch als Risikopartner für die Wirtschaft ist. Die Branche muss in nächster Zeit im engen Schulterschluss mit Kunden und Maklern Stück für Stück lernen, mit den Herausforderungen durch KI im Underwriting umzugehen.
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