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Nachhaltigkeit – und die Frage, was richtig und falsch ist

1. März 2021

Dr. Marc Surminski |

Nachhaltigkeit ist der Megatrend, der die globale Wirtschaft in den nächsten Jahrzehnten wesentlich verändern wird. Massive staatliche Eingriffe und massiver öffentlicher Druck geben den Märkten eine neue Struktur; auch in den liberalen Wirtschaftssystemen der Industrienationen sind die Zeiten der weitgehenden Freiheit vorbei. Wie früher in totalitären Staaten wird die Wirtschaft als Instrument gesehen, um die Welt zu verbessern, indem sie in die richtigen Kapitalanlagen investiert und die richtigen Produkte herstellt.

Was richtig und falsch ist, kann man beim Investment in klimaschonende Unternehmen noch einigermaßen schlüssig definieren. Aber auch beim ökologischen Investment gibt es etwa in der Frage, ob Klimasünder belohnt werden dürfen, wenn sie sich für die Zukunft eine starke Besserung ihrer CO2-Bilanz auf die Fahnen geschrieben haben, unterschiedliche Meinungen. Noch deutlich diffuser wird das Bild, wenn es um die beiden anderen Buchstaben von ESG geht: die soziale Komponente und die Governance-Qualität von Unternehmen und Staaten. Hier bilden sich die Kriterien erst allmählich heraus, hier bestehen auch erhebliche Unsicherheiten, wie man mit der schillernden Realität des politischen und gesellschaftlichen Lebens tatsächlich umgehen soll.

Beispielsweise ist es Konsens bei vielen Nachhaltigkeitsleitlinien, dass Investments in die Rüstungsindustrie (oder auch die Versicherung von Rüstungsunternehmen) abzulehnen sind. Soll das in letzter Konsequenz heißen, dass man ein Unternehmen nicht mehr versichern darf, das Waffen für die Bundeswehr produziert? Wird Landesverteidigung, wie sie ungefähr 100% aller Länder weltweit mehr oder weniger intensiv betreiben, künftig ein Ausschlusskriterium bei der Nachhaltigkeitsstrategie?

Auch bei der Anlage in Staatsanleihen gibt es Widersprüche: Dass chinesische oder russischen Staatspapiere womöglich kein gutes ESG-Investment sind, mag noch nachvollziehbar sein. Wie verhält es sich aber mit Papieren unserer EU-Partner Polen und Ungarn, die gerade dabei sind, den Rechtsstaat zu demontieren? Wer Investment und Versicherungsdeckung nach politisch-moralischen Gesichtspunkten betreibt, gerät leicht in argumentative Problemzonen.

Außerdem besteht bei den sozialen Themen der Nachhaltigkeit stärker die Gefahr, dass sie von politischen Aktivisten in ihrem Sinne vorangetrieben werden, ohne dass es hier überprüfbare Kontrollkriterien aus der Wissenschaft (wie etwa der CO2-Ausstoß bei grünen Investments) gibt. Die aktuelle Cancel-Kultur beim Umgang mit missliebigen Meinungen und der moralische Rigorismus, der sich hier häufig zeigt, könnten künftig die Haltung vorgeben, aus der soziale Themen mit der Kraft von Social-Media-Kampagnen diktiert werden. Dagegen kann sich das einzelne Unternehmen kaum mehr wehren und der Investor kann seine Entscheidung nicht mehr aufrechterhalten, weil er dann am Pranger der öffentlichen Meinung steht, die vom Furor der Aktivisten befeuert wird.

Nachhaltigkeit mit Augenmaß sollte die Strategie der deutschen Politik und der deutschen Wirtschaft sein. Es ist wichtig, die Freiheit zur unternehmensindividuellen Entscheidung in strittigen Fragen gegen den Mainstream von Markt und Meinung zu erhalten. Selbst wenn es bedeutet, dass man weiter die Hersteller von Militärhubschraubern versichern und auch Mittelständlern D&O-Deckung gewähren kann, die keine Frau im Vorstand haben. Das mag dumm sein, sollte aber versicherbar bleiben.

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