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Neues Denken

14. August 2018

Dr. Marc Surminski |

Neues Denken ist gefragt – auch in der Industrieversicherung. Wer hätte sich noch vor wenigen Wochen vorstellen können, dass chinesische Investoren einmal ernsthaft nach den Kronjuwelen der deutschen Assekuranz greifen könnten und die Allianz übernehmen wollten? Was wäre, wenn Google einen großen Industrieversicherer kaufte – wäre dann der Markt des klassischen Versicherungsgeschäftes am Ende, weil der Datengigant viel mehr über Schäden und Risiken weiß als alle anderen? Wem das alles zu viel neues Denken ist, kann sich an die realen Veränderungen im Markt halten – und wird feststellen, wie stark die Dinge mittlerweile in Bewegung geraten sind.

Lange Zeit schien das hochspezialisierte Industrieversicherungsgeschäft weit weg von den disruptiven Veränderungen der Digitalisierung. Beim diesjährigen GVNW-Symposium in München wurde aber klar, dass auch hier neues Denken Einzug hält, und sich große Umbrüche im Geschäftsmodell abzeichnen. Die Blockchain-Technologie könnte etwa die Kosten der Transportversicherung halbieren. Llyod’s testet den Einsatz bereits auf dem 30 Mrd. Dollar schweren Londoner Markt. Am Ende könnten damit dem klassischen Transportmarkt 15 Mrd. Dollar entzogen werden. Was das für die heute an der Wertschöpfungskette hängenden Marktteilnehmer bedeutet, ist klar: Deutlich weniger Umsatz. Die AGCS entwickelt Big-Data-Anwendungen für die Analyse des Lieferkettenrisikos. Wenn hier später einmal wie geplant über 30.000 Datenquellen genutzt werden können, wäre das eine Revolution für das Underwriting, das nach den Vorstellungen der Allianz zumindest im Standard-Geschäft zunehmend automatisiert ablaufen soll.

Das Potential für disruptive Veränderungen in der Industrieversicherung ist offenbar groß, wie sich in München zeigte. Nicht nur im deutschen Markt operieren die Versicherer mit hohen Kostensätzen, die von den Kunden bisher akzeptiert werden. Mit der digitalen Neustrukturierung der Geschäftsprozesse und der Einführung von digitalen Produkten, die irgendwann in der Zukunft vollautomatisch auf Echtzeitdaten für das Underwriting zurückgreifen können, werden die Zeiten umständlicher Abläufe und hoher Margen aber zu Ende gehen. Blockchain in der Schadenbearbeitung würde beispielsweise zumindest im Standardgeschäft teure Strukturen überflüssig machen.

In Großbritannien gibt es auf Kundenseite großen Frust über die bisherigen Abläufe mit hoher Intransparenz und hohen Kosten. „Die Ineffizienzen sind kriminell“, sagte der Chairman des britischen Verbands der Risikomanager in München. Aus solcher Unzufriedenheit entstehen Revolutionen. Alle Marktteilnehmer tun gut daran, sich auf mögliche Verwerfungen durch die Digitalisierung vorzubereiten und den Kunden in der Industrie, die selbst durch einen tiefgreifenden Digitalisierungsprozess gehen, neue Lösungen anzubieten. Die alte Herrlichkeit der Industrieversicherung ist vorbei. Und etliche Marktteilnehmer werden den Umbruch nicht überstehen. Die Allianz mag nicht chinesisch werden – digital wird sie wie der ganze Industrieversicherungsmarkt aber auf jeden Fall.

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