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Preiswende mit Augenmaß

15. September 2020

Dr. Marc Surminski |

Es ist eine paradoxe Situation in der deutschen Industrieversicherung: Die Großschadenbelastung fiel 2019 auf den niedrigsten Wert seit 2002. Aber trotzdem vollzieht sich ausgerechnet jetzt die seit langem herbeigeredete Verhärtung des Marktes, der insgesamt technisch jahrelang unter Wasser war. Die Corona-Krise scheint mit ihrer möglichen Großschadenlast zum entscheidenden Faktor für die Umkehr des Marktes geworden zu sein. Manchmal ist es auch eine Frage der Stimmung: Unsicherheit und Krisenangst treiben, wie schon bei der letzten großen Marktumkehr nach den Terroranschlägen von 2001, die Preise.

Im Hintergrund steht dabei natürlich der Trend in der Rückversicherung: Auch hier hat die Branche über viele Jahren eine Preiswende prognostiziert, die nicht eintrat. Im Gegensatz zu den Industrieversicherern, die tief in die roten Zahlen gerieten, haben die Rückversicherer aber trotz zum Teil hoher Katastrophenschäden nicht zuletzt durch den Rückgriff auf die üppigen Schadenreserven vergangener Jahre insgesamt immer solide Ergebnisse vorgelegt. Der Druck des alternativen Kapitals hat zwar ihr Wachstum beeinträchtigt, aber kaum ihren Gewinn. Jetzt steigen auch in der Rückversicherung die Preise. Corona, aber auch der stockende Kapitalzufluss und höhere Retropreise sind die Faktoren für die Trendwende.

Wer jahrelang Verluste macht, muss irgendwann die Preise erhöhen. Das Bemerkenswerte in der deutschen Industrieversicherung ist, dass das so lange gedauert hat. Die Geduld der Gesellschaften war erstaunlich. Das mag auch damit zu tun haben, dass der Ertragsdruck für viele große Anbieter eben doch nicht so hoch war, weil das Kompositgeschäft in der Gesamtbetrachtung wegen des profitablen Privatkundengeschäftes (in Haftpflicht und Sach) immer noch angenehm profitabel war. Solche Gesamtbetrachtungen sind mittlerweile natürlich in den großen Versicherungskonzernen vollkommen verpönt, aber man wird sich schon mancherorts die Frage gestellt haben, warum man das Industriegeschäft brutal sanieren muss, wenn die Ergebnisse in non-life insgesamt doch meist sehr akzeptabel ausfielen.

Jetzt stellt sich die Frage, wie nachhaltig die Preiswende sein wird. Steigende Schäden in vielen Bereichen und weiter erodierende Kapitalerträge sprechen für einen langfristigen Trend zu höheren Preisen und profitablem Geschäft. Ein gegenläufiger Trend könnte auf dem Kapitalmarkt entstehen: Bei attraktiven Preisen fließt schnell neues Geld in den Markt – für alternative Deckungen und für neugegründete Erst- und Rückversicherer, die ohne Altlasten am harten Markt partizipieren wollen und ihn damit vorzeitig enden lassen. Aber auch wenn die weltweite Rezession im Gefolge von Corona den Bedarf an Versicherungsschutz kräftig einbrechen ließe, hätte das negative Folgen für die Preise.

Die Versicherer werden sich an der seltenen Erscheinung steigender Preise erfreuen und für ein paar profitable Jahre sorgen. Dabei gilt es, Übertreibungen zu vermeiden, um den Industriekunden in einer für sie schweren Lage nichts Unmögliches abzuverlangen. Es sollte vermieden werden, dass in der Corona-Krise leidende Unternehmen dazu gezwungen werden, sich neuen Formen des Risikotransfers zuzuwenden, weil Versicherungsschutz nicht mehr zu vernünftigen Bedingungen zu haben ist. Der Kapitalmarkt stünde dann schnell bereit, um traditionelle Versicherung abzulösen und auch alternative Deckungsformen für Bereiche zu entwickeln, die wie etwa Haftpflicht heute noch die Domäne der Versicherer sind. Ein schwindender Bedeutungsverlust der Industrieversicherung wäre die Folge.

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