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Prinzip Hoffnung?

15. Mai 2020

Dr. Marc Surminski |

Die deutschen Lebensversicherer sind gefangen im Garantiesystem der Vergangenheit. Sie müssen alle Mittel mobilisieren, um die Garantien aus früheren Jahren erfüllen zu können. Mit der Zinszusatzreserve haben sie sich ein System einfallen lassen, um diese Lasten zu bewältigen. Mit dem kontinuierlichen Verfall der Zinsen hat sich aber gezeigt, dass dieses Instrument an seine Grenzen kommt. Zusätzlich drohen nun mit der Corona-Krise an den Kapitalmärkten neben einem weiteren Zinsverfall bei Anleihen noch Spread- und Ausfallrisiken für die Bilanz. Ende 2020 sind bereits für 92% aller Verträge Zuführungen fällig. Für die aktuelle Garantiegeneration mit dem Rechnungszins von 0,9% wird es bei unveränderter Zinslage schon 2024 soweit sein. Wie kann man heute noch Garantien für Jahrzehnte lang laufende Verträge geben, wenn man schon weiß, dass diese nach aktuellem Stand der Dinge in vier Jahren nachreserviert werden müssen?

Es ist wie das Rennen zwischen Hase und Igel: Immer wenn die Lebensversicherer einen neuen Tiefstwert für die ZZR-Berechnung anpeilen, liegt der reale Wert schon darunter. Schon einmal musste das System reformiert werden. Man wird über kurz oder lang die Berechnungsmethode für den Referenzzins in der ZZR ändern müssen, um überhaupt noch Spielraum zu gewinnen. Inzwischen lässt sich die in den nächsten Jahren noch auf das doppelte Volumen anschwellende ZZR nur durch die Realisierung von Reserven stemmen. Auf Dauer ist das keine gute Perspektive – vor allem dann, wenn man nicht so solide reserviert ist, wie es der Markt heute zum Glück im Schnitt noch ist.

Die deutschen Lebensversicherer haben sich mit ihrem langen Festhalten am Garantiemodell selbst in eine gefährliche Lage manövriert. Das deutsche Erfolgsmodell der Zinsgarantien erweist sich nun als schwere Bürde. In Großbritannien hat man die Risiken von Garantien schon viel früher erkannt und entsprechend die Produkte umgestellt. Auch aus einem Blick nach Japan hätte man lernen können. Erst jetzt rückt die Branche hierzulande immer weiter von den Garantien ab: Jetzt sollen auch 80% der eingezahlten Beiträge reichen, um sich noch etwas Spielraum bei den Erträgen zu erhalten.

Es wird möglicherweise der Tag kommen, an dem die Lasten der Garantien für manche Versicherer zu groß sind. Eine Zinsgarantie über Jahrzehnte ist eben am Ende nicht darstellbar, wenn es keine Zinsen mehr gibt. Neben dem Run-off (im Ganzen oder von Teilbeständen) gebe es noch als Ultima Ratio die Möglichkeit, auf Antrag bei der BaFin die garantierten Leistungen herabzusetzen. Dass die deutschen Lebensversicher bisher – anders als die japanischen Unternehmen – nicht zum letzten Mittel der Leistungskürzungen greifen mussten, ist ein gutes Zeichen und hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass sie im vergangenen Jahr ein Rekordneugeschäft eingefahren haben. Die versprochenen Leistungen werden bislang trotz der historischen Zinskrise erfüllt, auch wenn dieser eiserne Grundsatz bei den regulierten Pensionskassen gerade ins Wanken gerät, weil dort die Not noch wesentlich größer ist.

Ehrlich machen, und dabei die Reputation als krisenfester Hort von Garantieleistungen aufs Spiel setzen? Oder darauf hoffen, dass man mit kontinuierlichen Anpassungen langfristig die Garantien bedienen kann, ohne unter der Last der ZZR zusammenzubrechen? Solange das Wasser nur bis zum Hals steht, aber der Kopf noch herausschaut, erscheint das Prinzip Hoffnung als die bessere Wahl. Obwohl die Hoffnung auf eine Wende bei den Zinsen in den letzten 15 Jahren ja bekanntlich vergeblich war…

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