Radikale Reformen in der bAV
1. Februar 2026Dr. Marc Surminski |
Die betriebliche Altersvorsorge ist in Deutschland kein Erfolgsmodell. Während sie etwa in den Niederlanden dafür sorgt, dass die Höhe der gesamten Rentenbezüge im Schnitt nahezu an das Lohnniveau vor dem Ruhestand heranreicht, schafft die bAV es hierzulande nicht, die Versorgungslücke im Alter insgesamt spürbar zu reduzieren. Daran haben die Reformbemühungen der letzten Jahre wenig geändert.
Zwar können sich vor allem Tarifbeschäftigte großer Unternehmen über ansehnliche betriebliche Renten freuen. In der gesamten deutschen Wirtschaft, die vor allem von mittleren und kleinen Unternehmen geprägt ist, sieht es dagegen mit der Verbreitung und der Leistungskraft der bAV eher schwach aus.
Die Ursachen sind bekannt. Das deutsche System ist überkomplex und im Laufe der Zeit von einem Wildwuchs der Durchführungswege stranguliert worden. Fünf Wege zur bAV – da steigt kaum jemand mehr durch, schon gar nicht kleine Arbeitgeber und ihre Beschäftigten. Erfolgversprechende neue Ansätze wie etwa das Sozialpartnermodell leiden zudem darunter, dass sie bislang das Kernproblem nicht richtig anpacken: Sie sind auf Drängen der Gewerkschaften im Wesentlichen für tarifgebundene Unternehmen gedacht, erreichen aber damit nicht die Beschäftigten in den kleinen Betrieben.
Gleichzeitig gerieten in den letzten Jahren diverse berufsständische Versorgungswerke unter Druck. Pensionskassen wie etwa die der Caritas mussten wegen Unterfinanzierung und Problemen mit der Erwirtschaftung der Garantien in Zeiten der Niedrigzinsen das Geschäft einstellen. Andere Einrichtungen machen aktuell wegen grandioser Fehlspekulationen Schlagzeilen: So sind beim Versorgungswerk der Berliner Zahnärzte durch dilettantische Anlageentscheidungen Milliardenverluste entstanden.
Das fördert nicht gerade das Vertrauen in die betriebliche Altersvorsorge – und wirft zudem die Frage auf, ob das System der betrieblichen Vorsorgeeinrichtungen und dessen Aufsicht in Deutschland nicht grundlegend reformiert werden müssten. Vor mehr als 20 Jahren setzte man in Großbritannien nach schweren Verwerfungen im Markt umfassende Reformen des Systems durch. Sie wären im Schulterschluss mit der Politik auch in Deutschland nötig, damit die bAV ihr Potenzial als zweite Säule der Altersvorsorge wirklich erschließen kann.
Dabei sollte man nicht vor radikalen Schritten zurückschrecken. Die Zahl der Durchführungswege müsste drastisch reduziert werden. Altverträge könnten weiterlaufen, aber für neue Verträge sollte es (neben unternehmensindividuellen Systemen) grundsätzlich nur noch ein übergreifendes, staatlich gefördertes Angebot geben. Es könnte sich am Sozialpartnermodell orientieren und dabei verschiedene Sicherheitsniveaus anbieten – und die Arbeitgeber aus der Haftung nehmen. Eine radikale Vereinfachung des Angebots hat sich als Erfolgsgarant in vielen Märkten herausgestellt. Ein gutes Beispiel sind die USA mit ihrem 401(k)-Plan, der mit seiner Standardoption bei den Beschäftigten (Target Date-Funds) bezeichnenderweise am beliebtesten ist.
Und ein weiterer radikaler Schritt liegt nahe: Wenn man sich in Deutschland bei der bAV für ein Opt-Out-Modell entscheiden würde und alle Beschäftigten damit automatisch in den Genuss einer standardisierten zusätzlichen Altersvorsorge kämen, würde das die bAV hierzulande in ganz neue Dimensionen bringen. Mit der reinen Lehre der Marktwirtschaft hätte das dann zwar nicht unbedingt mehr viel zu tun. Aber man könnte damit das existentielle Problem der Vorsorgelücke lösen, was dem Markt und der Politik bislang nicht gelungen ist.
Kategorisiert in: 202602 bAV Titelthema Wirtschaftskommentar
