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Revolution für das PKV-Vollversicherungssystem?

15. September 2018

Dr. Marc Surminski |

Komplettmitgabe der Alterungsrückstellungen bei Ottonova – Konzept mit Risiken und Nebenwirkungen

Ottonova ist angetreten, als rein digitaler Krankenversicherer die deutsche PKV zu revolutionieren. Im ersten Jahr am Markt war der Newcomer dabei nur überschaubar erfolgreich. Er scheut sich bis heute, konkrete Abschlusszahlen zu nennen. Diese dürften nur im niedrigen dreistelligen Bereich liegen – wenn überhaupt.

Jetzt hat das Unternehmen aber einen Bedingungs-Coup gelandet, der eine Revolution für das PKV-Vollversicherungssystem bedeutet. Ottonova-Kunden können nach zwei Jahren Mindestlaufzeit ihres Vertrages beim Wechsel zu einem anderen Versicherer ihre gesamten Alterungsrückstellungen mitnehmen. Diese „Zufriedenheitsgarantie“ solle zweifelnden Kunden den Abschluss einer Vollversicherung erleichtern, verkündete der Ottonova-Gründer und Vorstandschef Dr. Normann Rittweger kürzlich per Internet-Pressekonferenz aus seinem Urlaubsdomizil Bali.

Der „Heilige Gral“ der Vollversicherung

So exotisch wie der Kommunikationsansatz ist auch dieser Schritt des Unternehmens. Die Alterungsrückstellungen waren bislang so etwas wie der „Heilige Gral“ der Vollversicherung; jede Menge Papier wurde in den letzten Jahrzehnten mit gelehrten Abhandlungen bedruckt, warum diese nicht mitgegeben werden können, ohne das PKV-System ins Wanken zu bringen. Der Gesetzgeber hat die PKV dann 2009 gezwungen, die Rückstellungen zumindest in Höhe des Basistarifes portabel zu machen, was problemlos funktionierte.

Mit dem System der Alterungsrückstellungen wappnet die PKV ihre Kunden gegen zukünftige Belastungen. Es ist aber auch die Achillesferse der PKV, die sich dem privatwirtschaftlichen Wettbewerb verpflichtet fühlt, ihn aber für Bestandskunden bislang de facto ausschließt, weil bei einem Anbieterwechsel immer noch der größere Teil der Rückstellungen verloren geht. (Dass Stornogewinne zumindest in der Vergangenheit ein wichtiger Bestandteil der Kalkulation waren, gereicht der PKV auch nicht gerade zur Ehre und macht es schwer, sie hier gegenüber der Politik zu verteidigen.)

Ottonova geht nun mit dem Mut der Verzweiflung daran, die Alterungsrückstellungen komplett freizugeben und vermarktet das als große Kundenfreundlichkeit, die sie auch allen anderen Anbietern empfiehlt. Wer nichts hat, hat auch nichts zu verlieren, dürfte dabei das Motto des Münchner Insurtechs gewesen sein.

Wenn es ihm aber weitere Versicherer gleichtäten, könnte es zu gefährlichen Schieflagen in den Beständen kommen. Alte und kranke Versicherte, die trotz der Rückstellungen niemand mehr aufnehmen will, würden schwere Probleme bekommen, wenn sie dann allein in den Alttarifen zurückblieben. Diese Folgen sind schon viele Male von Wissenschaftlern mit allen Details aufgezeigt worden.

Branche nun unter Zugzwang?

Die Ottonova muss das nicht kümmern, denn sie startet bei null, und ihre Kunden sind jung. Für ihre Zielgruppenkunden könnte die vollständige Mitgabe der Alterungsrückstellungen tatsächlich ein Argument sein, um den Schritt in die PKV zu wagen, den sie sonst vielleicht nicht getan hätten, weil sie dunkel von den Wechselschwierigkeiten gehört haben. „Durch die Zufriedenheitsgarantie wollen wir die Eintrittsbarriere und eventuelle Hemmschwellen reduzieren und Ottonova risikofrei erlebbar machen“, sagt Rittweger.

Die anderen PKV-Anbieter, die auch an der Zielgruppe der jungen, digitalaffinen Gutverdiener interessiert sind, setzt das Angebot dagegen argumentativ unter Zugzwang. Sie können allerdings darauf hoffen, dass Ottonova ohne eigenen Vertrieb im Markt eigentlich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle operiert und deshalb keine echte Gefahr darstellt. Falls das Insurtech aber auf die Idee kommen sollte, in den Maklervertrieb einzusteigen, hätte es dort mit der Komplettübertragung ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Wenn Ottonova tatsächlich überleben will, wäre die Öffnung für den klassischen Vertrieb wohl die sinnvollste Option.

Bumerang in späteren Jahren

In späteren Jahren könnte das Wechselrecht allerdings zum Bumerang für die Ottonova werden: Falls sich der Newcomer tatsächlich im Markt etabliert und einen soliden Bestand aufbaut und er allein das Wechselrecht anbietet, gäbe es bei ihm immer die Gefahr, dass die Kunden schnell abspringen, und zwar womöglich aus eher trivialen Gründen, etwa die Unzufriedenheit über nicht voll bezahlte Arztrechnungen.

Ottonova-Kunden wären dann auch bevorzugtes Ziel von Umdeckern, denn bei einer vollständigen Mitnahme der Alterungsrückstellungen wäre ein Versichererwechsel jederzeit eine deutlich attraktivere Option als heute. Aus der schönen Marketingidee könnte also am Ende eine schwere Belastung für den Versicherer werden – wenn er dann überhaupt noch auf dem Markt ist.

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