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Run-off-Treiber ESG?

1. Oktober 2021

Dr. Marc Surminski |

Nachhaltigkeit ist neben der Digitalisierung inzwischen der zweite große Treiber für den Transformationsprozess der Versicherungswirtschaft. Vor allem in der Lebensversicherung greift der europäische Regulierer tief in die Kapitalanlage- und Produktpolitik der Unternehmen ein. Für viele Lebensversicherer ist Nachhaltigkeit ein willkommenes Thema, um sich im Markt zu profilieren und gleichzeitig neue Kunden mit nachhaltigen Produkten zu gewinnen. Kleine Spezialanbieter wie Pangaea Life agieren hier bereits sehr erfolgreich; viele andere Gesellschaften gehen jetzt ebenfalls mit neuen, nachhaltigen Produktkonzepten an den Markt. Bei den Investmentfonds gab es zuletzt ein großes Interesse an ESG-Angeboten. Das dürfte auch bei den Lebensversicherern so sein.

In der Lebensversicherung gibt es allerdings ein zentrales Problem: den Deckungsstock. Er ist in seiner bisherigen Zusammensetzung bei keinem Unternehmen nachhaltig; der entsprechende Umbau des Kapitalanlagestocks mit dem großen Altbestand aus „normalen“ Anlagen würde viele Jahre brauchen. Etliche Lebensversicherer lösen das Problem zur Zeit ohne Mühe, indem sie ESG-konforme Fondspolicen auflegen, die dann in entsprechende ESG-konforme Fonds investieren. Diese gibt es trotz der babylonischen Sprachverwirrung bei den „richtigen“ ESG-Kriterien reichlich im Markt.

Diese Lösung funktioniert aber nicht, wenn bei Lebensversicherungsprodukten weiter in irgendeiner Form auf das Sicherungsvermögen zurückgegriffen wird. Das ist etwa bei einer Vielzahl der „neuen“ Garantieforme der Fall, wo für die Garantiekomponenten das konventionelle Sicherungsvermögen gebraucht wird. Und in der Rentenbezugsphase funktioniert es bei allen Produktformen nicht: Die Rentenzahlungen werden in der Regel immer über das Sicherungsvermögen organisiert. Eine „grüne“ Fondsrente ist dann aber nicht mehr grün, weil das Sicherungsvermögen nicht grün ist.

Wenn man davon ausgeht, dass ESG-konforme Produkte in Zukunft einen immer größeren Teil des Neugeschäftes ausmachen werden, müssen die Lebensversicherer das grundlegende Problem mit dem Sicherungsvermögen in den Griff bekommen. Das könnte etwa über die Auflage eines zweiten, nachhaltigen Deckungsstockes erfolgen, womöglich über spezialisierte Vermögensverwalter im Ausland. Wenn man davon ausgeht, dass ESG-konforme Produkte in Zukunft sogar völlig zum Mainstream der Branche werden, dann könnte am Ende die Entscheidung darüber anstehen, ob man den bisherigen Bestand mitsamt dem traditionellen Sicherungsvermögen in den Run-off gibt und mit einem komplett nachhaltigen Geschäftsmodell neu durchstartet. Da ohnehin bei vielen Unternehmen der klassische Garantiebestand de-facto in Abwicklung ist, weil kein Neugeschäft mehr dazukommt, wäre ESG ein zusätzlicher Treiber, die Altlasten abzukapseln und die nicht-nachhaltigen Assets wie in einer Bad-Bank zu konzentrieren.

Das könnte natürlich schwerwiegende Konsequenzen für die Ertragskraft des bisherigen Bestandes haben, die ja ganz wesentlich von der möglichst gelungenen Mischung von Kapitalanlagen aller Art abhängt. Hier bedrohen „Stranded Assets“ künftig die Rendite. Und auch alle modernen Produkte, die auf das bisherige Sicherungsvermögen der Lebensversicherer setzen, würden unter Druck geraten. Außerdem ist die Frage, ob es überhaupt auch mittelfristig genug ESG-konforme Anlagen gibt, um das Sicherungsvermögen der Lebensversicherer damit zu bestücken und die entsprechende Garantie etwa in der Rentenbezugszeit abzubilden.

Das alles zeigt: Der Trend zur Nachhaltigkeit bedeutet in der Lebensversicherung nicht nur Produktmarketing, sondern er wirft elementare Fragen zum künftigen Geschäftsmodell auf. Das Ende des traditionellen Garantiesystems dürfte sich weiter beschleunigen und der Run-off im Markt weiter zunehmen.

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