Verpasste Chance
1. April 2026Dr. Marc Surminski |
Die Riester-Reform ist eine verpasste Chance. Die Bundesregierung will nach langen Jahren der sträflichen politischen Tatenlosigkeit nun endlich die weite Verbreitung einer dringend nötigen zusätzlichen privaten Altersvorsorge erreichen. Das wird ihr mit dem neuen Gesetz nicht gelingen – trotz manch guter Ansätze im Detail.
Im Kern geht es um die Frage, wie man angesichts der Lücken im Umlageverfahren der gesetzlichen Rente private Vorsorge in die Breite der Bevölkerung tragen kann und auch ärmere Menschen erreicht, die bisher kaum vorgesorgt haben. Das geht nur auf zwei Wegen: über verstärkte Vertriebsanstrengungen oder über ein Opt-out-Modell, das alle Menschen mit mehr oder weniger sanftem Zwang in die zusätzliche private Altersvorsorge drängt.
Die Bundesregierung hat sich für ein Modell entschieden, das diese beiden zentralen Erkenntnisse ignoriert. Das neue Standardprodukt ist mit einem Kostendeckel von 1,0% für den Vertrieb nicht attraktiv. Und es bleibt die alte Erfahrung aus der Riester-Reform und aus Jahrzehnten von Altersvorsorgeberatung in Deutschland: Ohne aktiven Vertrieb bekommt man die Leute nicht dazu, in Massen für ihr Alter vorzusorgen. Und dieser Vertrieb muss angemessen vergütet werden.
Es ist eine Illusion zu glauben, dass mit dem neuen, sogar staatlich organisierten Standardprodukt die Menschen wegen der attraktiven Förderung in Scharen abschließen werden. Aus der Tatsache, dass junge, gutinformierte Menschen zuletzt verstärkt bei Neobrokern in ETFs sparen, darf nicht geschlossen werden, dass Standardprodukte ohne Bedarfsweckung und Beratung in der Breite der Gesellschaft zum Selbstgänger werden. Selbst eine immer digitalaffinere Bevölkerung wird nicht massenhaft freiwillig in die neue geförderte Altersvorsorge investieren.
Von einer Opt-out-Lösung wollte die Bundesregierung erstaunlicherweise von Anfang an nichts wissen. Dabei hatte es schon Walter Riester als größten Fehler seiner Reform bezeichnet, die zusätzliche private Vorsorge damals nicht zur Pflicht gemacht zu haben. Mit Opt-out (und einem guten Standardprodukt) könnte man elegant das Problem des Vertriebs und der hohen Kosten umgehen, ohne dabei den Menschen den Weg zu einer individuellen Vorsorge zu versperren. Erfahrungen aus Märkten wie Großbritannien zeigen die starke Wirkung eines solchen Modells für die Verbreitung von Vorsorge.
Sanfter Zwang ist bei einem wenig populären Thema wie der privaten Altersvorsorge die erfolgversprechendste und renditeschonendste Lösung. Was viele Milliarden Euro an jährlichen Abschlussaufwendungen der Lebensversicherer und ein Heer von Vermittlern aller Art seit Jahrzehnten nicht geschafft haben, könnte so Wirklichkeit werden: eine zusätzliche Altersvorsorge für alle, um die Lücken der Gesetzlichen Rentenversicherung auszugleichen.
Die neuen geförderten Produkte werden zweifelsohne zu einem kleinen Boom in der privaten Altersvorsorge führen, nicht zuletzt durch Mitnahmeeffekte bei finanzrationalen, gutverdienenden Kunden, die schon bei Riester zu beobachten waren. Aber auch wenn zusätzlich etliche jüngere Menschen darüber ihren Weg in die private Altersvorsorge finden werden und sich Selbständige und Wenigverdiener mit Kindern über üppige Zulagen freuen können: Der dringend benötigte Massenerfolg wird die neue geförderte Altersvorsorge nicht werden – weil der Mut für eine Opt-out-Lösung fehlte.
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