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Vertreibung aus dem Paradies

15. April 2021

Dr. Marc Surminski |

Die harte Sanierungsrunde in der Industrieversicherung löst bis heute Schockwellen in der Branche aus. Die Empörung bei vielen Kunden ist groß. Die Reputation der Versicherer, so ergab kürzlich eine Umfrage des GVNW, ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Die Versicherungsmanager in den Unternehmen drohen damit, sich künftig verstärkt alternativen Formen des Risikotransfers zuzuwenden.

Die Klagen der Wirtschaft sind verständlich, aber man muss die Lage im Kontext der letzten Jahre sehen. Die deutschen Unternehmen lebten versicherungsmäßig seit langem in der besten aller Welten: niedrige Preise, großzügige Bedingungen, reichlich Kapazität. Aus diesem Paradies wurden sie nun vertrieben. Das tut immer weh. Aber wer jetzt zum großen Versicherer-Bashing ausholt, sollte daran denken, dass er eben in den letzten Jahren bei seinen Prämienzahlungen sehr vom weichen Markt profitiert und gern in Kauf genommen hat, dass die Versicherer in oft kaum nachvollziehbarer Art und Weise diesen weichen Markt weiterlaufen ließen. Man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie jetzt die Notbremse gezogen haben. Man kann sich nur wundern, dass sie es nicht schon viel früher getan haben.

Die Vertreibung aus dem Paradies kommt natürlich immer zur Unzeit. Diesmal fiel sie zusammen mit der Corona-Katastrophe und dem beispiellosen Einbruch der Weltwirtschaft. Allerdings zeigt sich, dass sowohl Industrie wie auch Versicherungswirtschaft in der Pandemie-Krise deutlich robuster sind als von vielen befürchtet. Angesichts der hohen Schäden für einige Spezialsparten durch Corona kam die Trendumkehr zudem für die Versicherer genau richtig.

Die Sanierung im Kontext sehen heißt auch, sie als Teil des klassischen Zyklus‘ in der Industrieversicherung zu akzeptieren. Die Erkenntnis, dass sich der Markt in Zyklen bewegt, war in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen. Manche sahen schon das Ende der traditionellen Zyklizität gekommen – und den Markt auf einem neuen Level. Dabei bleibt das eherne Grundgesetz der Branche bestehen: Was man verliert, muss man irgendwann zurückverdienen. (Wenn man es denn nicht bis auf alle Zeiten über gute Gewinne in den Privatsparten ausgleichen will, wozu immer weniger Versicherer bereit waren.)

Man kann als Kunde klagen über die Kommunikationsdefizite der Versicherer im letzten Renewal, und ihr fahrlässiges Timing bei Angeboten kurz vor Ultimo kritisieren. Das ändert nichts daran, dass die Sanierung im Kern überfällig war, selbst wenn sie oft nach der Methode Rasenmäher durchgeführt wurde und alle Prinzipien einer individuellen Risikobetrachtung dann nichts mehr galten. Auch wenn 85% der Industriekunden von den Versicherern deshalb nun eine schlechte Meinung haben – zum Renewal 2022 werden sie wieder mit ihnen Tisch sitzen und erleben, dass der harte Markt fortbesteht.

Die Frage ist, wie lange Versicherer und Rückversicherer Zeit haben werden, die Verluste zurückzuverdienen. Schon jetzt zeichnet sich ab, das verstärkt neues Kapital in den Markt drängen wird, um von den hohen Preisen zu profitieren. Geld ist genug vorhanden bei den Investoren – womöglich auch für neue Deckungslösungen in kritischen Sparten wie Cyber, wo der Bedarf riesengroß ist, aber das Risiko auch. Der Kapitalmarkt könnte dafür sorgen, dass der zyklische Umschwung zum harten Markt deutlich kürzer ausfällt als in früheren Zeiten. Dann wird auch die Reputation der Versicherer wieder besser, ob ihnen das nun gefällt oder nicht.

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