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Wie relevant sind die Industrieversicherer?

15. September 2022

Dr. Marc Surminski |

Die rituelle Diskussion um die Sanierung in der Industrieversicherung erreicht in diesen Tagen eine neue Dimension. Zum einen ist da die gewaltige Inflation, die für einen weiteren großen Preisschub in der aktuellen Erneuerung sorgen wird. Auch wenn manche Makler beklagen, dass die Versicherer die Inflation als Scheinargument nutzen, um die Prämien über das nötige Maß hinaus in die Höhe zu treiben: Die Tatsache bleibt, dass auch die Versicherer auf die gewaltige Teuerung reagieren müssen. Sie sollten es angemessen tun; aber angemessen bedeutet eben auch, dass es empfindlich teurer wird.

Wegen der Rezession stehen manche Kunden wirtschaftlich heute unter extremem Druck. Für sie sind weiter stark steigende Versicherungsprämien ein zusätzliches Element für den perfekten Sturm, der sich momentan mit der Energiekrise und der Rezession zusammengebraut hat und der für manche Wirtschaftszweige existentielle Ausmaße erreichen könnte. Die meisten Kunden verstehen, dass die Prämien steigen müssen. Appelle für partnerschaftlichen Umgang und klare Kommunikation sind richtig; würde die Assekuranz das alles umsetzen, änderte sich jedoch nichts an der grundlegenden krisenhaften Lage.

Zum anderen geht es in der Industrieversicherung aber aktuell noch um eine grundsätzlichere Frage. Beim diesjährigen Symposium des Gesamtverbandes der versicherungsnehmenden Wirtschaft stand auch zur Diskussion, wie relevant die Versicherer angesichts von Kapazitätsreduzierungen und Deckungsausschlüssen für die Kunden noch sein können und ob etwa eine Sparte wie Cyber weiter eine Zukunft hat. Die radikalen Sanierungsmaßnahmen der Versicherer lassen manche Unternehmen, die mehr als je zuvor auf Deckung für Cyber-Schäden angewiesen sind, daran zweifeln.

Eine Lösung für diese Frage wurde beim Symposium in seltener Einmütigkeit von versicherungsnehmender Wirtschaft und GDV propagiert: Bei systemischen Risiken, zu denen Cyber mittlerweile gezählt wird, gehe es künftig nicht ohne staatliche Unterstützung. Wie bei der Terrordeckung über Extremus sieht sich die Versicherungswirtschaft offenbar auch beim einstigen Hoffnungsträger Cyber inzwischen am Ende ihrer Möglichkeiten, das Risiko in seiner ganzen Dimension privatwirtschaftlich abzudecken.

Das ist angesichts der großen Anstrengungen der Branche in den letzten Jahren, Cyber zur „Feuerversicherung des 21. Jahrhunderts“ zu machen, eine bemerkenswerte Kehrtwende. Für Branchenkritiker mag es so aussehen, als ob die Versicherungswirtschaft sich damit aus der Verantwortung für die Übernahme neuer Risiken zurückzieht – weil sie mit den herkömmlichen Mitteln des Risikotransfers augenscheinlich nicht zu bewältigen sind. In anderen Ländern hält sich der Staat mit seinem Engagement bei systemischen Risiken außerhalb der Bereiche Terror und Elementar allerdings bislang zurück. Und sollte in Zukunft womöglich der Kapitalmarkt Lösungen für die Tragung solcher Risiken bereitstellen, wäre das ein schwerer Schlag für das Renommee der Assekuranz als natürlicher Partner der Wirtschaft bei der Risikoübernahme.

Angesicht der gewaltigen Schadendimensionen, die sich etwa bei Cyber auch durch die Involvierung staatlicher Akteure ergeben, erscheint der Ruf nach einer Lösung unter Einbeziehung des Staates aber im Moment als die vernünftigste Lösung. Sie hilft zwar den Kunden wenig, die heute nicht die nötige Deckung bekommen und die mit dem Cyberrisiko alleingelassen werden. Aber unkalkulierbare Risiken zu übernehmen, kann letztlich niemand von der Versicherungswirtschaft verlangen.

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