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Zwischen Fachkräftemangel und Datenflut: Wohin entwickelt sich das Gutachtenmanagement?

1. August 2026

Wenn über KI im Versicherungswesen diskutiert wird, steht häufig die Automatisierung von Entscheidungen im Mittelpunkt. Im Gutachtenmanagement von Personenschäden liegt das größte Potenzial jedoch häufig an anderer Stelle: bei der intelligenten Aufbereitung medizinischer Unterlagen. Dr. med. Andreas Dietrich, Medical Consultant bei VYDA sowie ehemaliger Chefarzt mit langjähriger Erfahrung in der medizinischen Begutachtung, und Mila Baierova, Bereichsleiterin Personenschaden bei VYDA mit langjähriger Erfahrung im Rehabilitationsmanagement der privaten Versicherungswirtschaft, sprechen darüber, warum Gutachter oft mehr Zeit mit Akten als mit medizinischen Bewertungen verbringen, welche Aufgaben KI heute bereits zuverlässig übernehmen kann und weshalb menschliche Expertise auf absehbare Zeit unverzichtbar bleibt.

Frau Baierova, Versicherer berichten von längeren Laufzeiten im Gutachtenmanagement und zunehmenden Schwierigkeiten, geeignete medizinische Sachverständige zu finden. Woran liegt das?

Mila Baierova: Die medizinische Begutachtung von Personenschäden ist in den vergangenen Jahren deutlich komplexer geworden. Die Akten werden umfangreicher, die medizinische Dokumentation wächst kontinuierlich und gleichzeitig stehen nicht unbegrenzt viele erfahrene Gutachter zur Verfügung.

Dabei wird häufig übersehen, dass ein erheblicher Teil der Zeit gar nicht für die eigentliche medizinische Bewertung verwendet wird. Bevor ein Gutachter einen Fall fachlich beurteilen kann, muss er die vorliegenden Unterlagen zunächst sichten, sortieren und in einen nachvollziehbaren Zusammenhang bringen. Je nach Umfang des Falles kann dieser vorbereitende Schritt mehrere Stunden in Anspruch nehmen.

Herr Dietrich, was bedeutet das konkret in der Praxis?

Andreas Dietrich: Viele Akten werden heute zwar digital übermittelt, sind aber nicht wirklich digital aufbereitet. Häufig erhält der Gutachter mehrere hundert Seiten medizinischer Unterlagen als zusammengefügte PDF-Datei. Befunde liegen nicht chronologisch vor, Dokumente sind doppelt vorhanden oder wichtige Informationen müssen aus verschiedenen Quellen zusammengesucht werden.

Bei radiologischen Aufnahmen kommt hinzu, dass sie oftmals über unterschiedliche Plattformen bereitgestellt werden. Dadurch entsteht ein erheblicher organisatorischer Aufwand, bevor die eigentliche Begutachtung überhaupt beginnen kann. Aus meiner Erfahrung fließen nicht selten 30 bis 40% der Arbeitszeit in genau diese vorbereitenden Tätigkeiten.

Wo sehen Sie die größten Potenziale für den Einsatz moderner Technologien?

Dietrich: Das größte Potenzial liegt derzeit nicht darin, medizinische Bewertungen zu automatisieren. Vielmehr sollten wir darüber sprechen, wie wir Gutachter von Routinetätigkeiten entlasten können. Moderne KI-Systeme können medizinische Unterlagen analysieren, Dokumenttypen erkennen und Informationen strukturiert aufbereiten. Sie können beispielsweise Behandlungszeiträume identifizieren, Diagnosen und Prozeduren erfassen oder die Dokumente chronologisch sortieren.

Dadurch entsteht aus einer Vielzahl einzelner Dokumente eine nachvollziehbare Fallhistorie. Für den Gutachter bedeutet das, dass er schneller zum eigentlichen Kern seiner Arbeit kommt: der medizinischen Bewertung des Sachverhalts.

Aktuell wird häufig diskutiert, ob KI menschliche Experten ersetzen kann. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Dietrich: Im Bereich der medizinischen Begutachtung halte ich diese Diskussion für wenig zielführend. Eine Begutachtung ist mehr als das Zusammenführen von Informationen. Sie erfordert medizinische Erfahrung, die Einordnung komplexer Zusammenhänge und letztlich fachliche Verantwortung. Diese Verantwortung kann eine KI nicht übernehmen.

Ich sehe KI daher als Werkzeug. Sie kann Informationen strukturieren, Zusammenhänge sichtbar machen und auf mögliche Auffälligkeiten hinweisen. Die Interpretation dieser Informationen bleibt jedoch Aufgabe des medizinischen Sachverständigen.

Frau Baierova, wo liegen die Grenzen der Technologie?

Baierova: Die Qualität eines KI-Ergebnisses hängt immer von den zugrunde liegenden Daten und Modellen ab. Deshalb müssen Transparenz und Nachvollziehbarkeit oberste Priorität haben. Gerade im medizinischen Kontext dürfen Ergebnisse nicht unkritisch übernommen werden. Es muss jederzeit nachvollziehbar sein, auf welcher Informationsbasis eine Aussage entstanden ist. Gleichzeitig müssen Me
chanismen vorhanden sein, um Fehler oder sogenannte Halluzinationen zu erkennen. Deshalb halte ich es für wichtig, dass KI nicht als Ersatz für Experten verstanden wird, sondern als Unterstützung innerhalb eines kontrollierten Prozesses.

Welche Rolle spielt dabei die Regulierung durch den EU AI Act?

Baierova: Der EU AI Act wird dazu beitragen, klare Spielregeln für den Einsatz von KI zu etablieren. Insbesondere bei Anwendungen mit potenziellen Auswirkungen auf Menschen und wirtschaftliche Entscheidungen werden Transparenz und menschliche Aufsicht eine zentrale Rolle spielen.

Für das Gutachtenmanagement ist das aus meiner Sicht eine positive Entwicklung. Denn sie entspricht genau dem Ansatz, den viele Akteure bereits heute verfolgen: Die Technologie unterstützt den Prozess, die Verantwortung bleibt beim Menschen.

Was bedeutet das für die Zukunft des Gutachtenmanagements?

Dietrich: Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die begrenzte Ressource medizinischer Expertise möglichst sinnvoll einzusetzen. Wenn wir erreichen, dass Gutachter weniger Zeit mit Sortier-und Recherchearbeiten verbringen müssen und sich stärker auf ihre fachliche Bewertung konzentrieren können, profitieren alle Beteiligten: Versicherer, Sachverständige und letztlich auch die betroffenen Menschen.

Deshalb sehe ich die Zukunft nicht in einer automatisierten Begutachtung, sondern in einer intelligenten Zusammenarbeit von Technologie und medizinischer Expertise.

Die richtige Balance aus Automatisierung & menschlicher Steuerung. Grafik: VYDA.

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VYDA verbindet Versicherer und medizinische Sachverständige durch digitale Prozesse im Gutachtenmanagement. Medizinische Unterlagen werden strukturiert aufbereitet, Befunde und radiologische Aufnahmen zusammengeführt und Fallhistorien nachvollziehbar dargestellt. Dadurch erhalten Gutachter eine fundierte Arbeitsgrundlage und können sich stärker auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren: die unabhängige medizinische Bewertung komplexer Personenschäden. Versicherer profitieren zugleich von höherer Transparenz und effizienteren Abläufen.
Weitere Informationen: www.vyda.de/personenschaden

Kontakt zu den Experten:
Mila Baierova (m.baierova@vyda.de)
Dr. med. Andreas Dietrich (a.dietrich@vyda.de)

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