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Auf der Agenda

1. Januar 2021

Dr. Marc Surminski |

2021 wird ein Jahr der großen politischen Herausforderungen für die deutschen Versicherer. Bei der Bundestagswahl könnte es zu neuen Mehrheiten kommen. Und es stehen grundsätzliche Richtungsentscheidungen für zentrale Bereiche an. Das wird weniger die Frage betreffen, wie künftig das Pandemierisiko zu behandeln ist. Eine rein privatwirtschaftliche Lösung wird es nach den Erfahrungen mit Corona nicht mehr geben. Aber es ist wahrscheinlich, dass eine künftige Bundesregierung – egal in welcher Zusammensetzung – hier auf Sicht ein Mischmodell umsetzen wird, analog zur Absicherung des Terrorrisikos, dessen Übernahme sich Staat und Assekuranz teilen.

Viel wichtiger sind die politischen Weichenstellungen für die Kranken- und die Lebensversicherung. In der PKV gibt es seit der gefühlten ewigen Regierungszeit der Großen Koalition einen Reformstau. Das Patt zwischen Union und SPD hat zwar die Bürgerversicherung verhindert, dafür sind seitdem alle nötigen Reformschritte in der PKV, etwa für das System der Beitragsanpassungen, auf Eis gelegt. Bei einer Neuauflage der Großen Koalition bliebe das wohl so; bei einer schwarz-grünen Bundesregierung könnte Bewegung in die Sache kommen. Die Bürgerversicherung ist zwar auch ein sozialpolitisches Thema der Grünen. ob sie darauf aber auch bei der Regierungsbildung pochen würden, ist eher zweifelhaft, denn es gibt andere, größere Themen, die besser für die grüne Profilierung geeignet sind.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die PKV nach den Erfahrungen der Corona-Krise von Vielen stärker als Stabilisator des deutschen Gesundheitssystems gesehen wird. Dieses duale System nun radikal umzubauen ist nach den existenziellen Belastungen vor allem der Leistungserbringer in der Pandemie wohl keine kluge Idee. Außerdem hat die PKV die Möglichkeit, sich bei einer grünen Regierungsbeteiligung als einzige nachhaltige Alternative in der Krankenversicherung zu profilieren. Wer kommenden Generationen nicht nur eine bewohnbare Erde, sondern auch eine funktionierende, bezahlbare Krankenversicherung hinterlassen will, kommt an Kapitaldeckung nicht vorbei.

Die größte Baustelle gibt es aber in der Altersvorsorge. Hier warten radikale Reformkonzepte auf die Umsetzung. Und die Deutschland-Rente ist eine schwarz-grüne Idee, deren Stunde in 2021 schlagen könnte. Auch in der Union gibt es Freunde neuer Wege in der Altersvorsorge – als Pflichtlösung zu niedrigen Kosten und mit standardisierter Anlagestrategie in Aktien. Die Versicherungswirtschaft setzt auf eine Reform der Riester-Rente, bislang ohne Erfolg. Ein neues Konzept für staatlich geförderte Vorsorge, das sich etwa das schwedische Modell zum Vorbild nimmt, würde die Lebensversicherer und ihre Vertriebe weitgehend aus dem Geschäft nehmen – es sei denn, sie könnten mit eigenen Angeboten und entsprechend niedrigen Kosten dagegenhalten.

Allerdings gibt es ein gewichtiges Argument, warum man die Lebensversicherer auch zukünftig noch braucht: Der gewaltige Investitionsbedarf für den europäischen „Green Deal“ wird ohne das Geld der Versicherungskunden kaum zu decken sein. So wie die Lebensversicherer nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau Deutschlands mitfinanzierten, so könnten sie nun den ökologischen Umbau Europas finanzieren. Wer soll denn sonst die Green Bonds kaufen, die das gewaltige Projekt der EU speisen? Für diese Rolle muss man die Lebensversicherer aber weiter im Geschäft halten. Die Frage, wie die Altersvorsorge der Zukunft aussieht, hat also viele Facetten. Ob eine Radikalreform der richtige Weg ist, oder ob man weiter auf die Lebensversicherer als Kapitalsammelstelle für große, gemeinsame Aufgaben setzen soll, muss sich eine neue Bundesregierung gut überlegen.

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